Von Christian E. Lewalter

Äußere nie einen Satz, den du nicht auch dann äußern würdest, wenn du einer anderen Nation, einer anderen Konfession, einer anderen Gesellschaftsklasse oder einer anderen Partei angehörtest als der, der du angehörst.“ Wieviel weniger Bände hätten unsere Bibliotheken, wenn dieses Wort (es stammt aus dem Freundeskreis von Pascal, ist also dreihundert Jahre alt) von allen Publizisten, Gelehrten und sonstigen Bücherschreibern stets befolgt worden wäre und würde! Insbesondere von denen, die sich mit dem folgenschwersten Ereignis der europäischen Geschichte befaßt haben: der Reformation Luthers. Von dem Tage an, da Luther der Bannbulle trotzte, bis in unsere Tage hinein klafften nicht nur die Wertschätzungen, sondern sogar die Antworten auf die rein historische Frage, wie es zur Spaltung der abendländischen Christenheit kommen konnte, so weit auseinander, daß ein sachliches Urteil kaum möglich schien. Die protestantische Version stellte Luther als den Herkules dar, der gesandt war, den Augiasstall der römischen Kirche zu säubern. Die katholische zeichnete ihn als den von bösen Dämonen besessenen Wolf, der sich das Lammfell der Frömmigkeit umhängte und in die sorglich gehütete Herde einbrach. Für jene war Luthers Auftreten der wichtigste Fortschritt, für diese Luthers Erfolg der schwerste Rückschlag in der Geschichte der christlichen Welt. Wer zwischen diesen beiden diametral entgegengesetzten Auffassungen vermitteln wollte, mußte sich mit der Klage über die Spaltung begnügen und die Streitfrage selbst auf sich beruhen lassen.

In Wirklichkeit ist aber die Verständigung gar nicht so schwer, wie es vier Jahrhunderte lang aussah. Denn eben vor vier Jahrhunderten schon hat eine mit höchster Autorität ausgestattete Versammlung der römischen Kirche Luther in demjenigen Punkt recht gegeben, um dessentwillen er mit dem Papst in Konflikt geraten war, im Punkte des Ablaßhandels nämlich: das Konzil von Trient (1545 bis 1563), auf dem die gesamte neuere Entwicklung der katholischen Kirche fußt. Es hat in einer Reihe von Dekreten den Handel mit Ablässen, gegen den Luther gekämpft hatte, für alle Folgezeit verboten und in seiner amtlichen Schlußrede in fast wörtlicher Einmütigkeit mit Luthers Auffassung erklärt, „die Ablaßprediger hätten nicht die Sache Christi, sondern ihre eigene gesucht und der Religion unermeßlichen Schaden und große Schande bereitet“. Es bliebe also nur noch zu zeigen, daß Luther, waren jene Dekrete schon 1517 in Kraft gewesen, niemals eine „evangelische Kirche“ außerhalb der katholischen gestiftet hätte, und die Einigung über die Ursachen der Reformation wäre vollzogen.

Dies aber läßt sich zeigen. Aus dem ersten Bande der jüngsten Lutherbiographie, der ihr Verfasser Karl Anguß Meißinger mit Bedacht den Titel „Der katholische Luther“ gegeben hat (Leo Lehnen Verlag, München, 320 S., Leinen 19,80 DM), kann man ersehen, daß Luther bis zum Ablaßstreit niemals daran dachte, eine Sonderkirche zu gründen, sondern sich als Ordensmann und Universitätslehrer immer an die Disziplin des guten Katholiken gehalten hat. Wegen keiner dogmatischen Frage (auch nicht wegen der Rechtfertigungslehre oder worin sonst immer man den Hauptunterschied zwischen Luthertum und Katholizismus sehen mag) hätte er sich mit der Kurie überworfen. Nur wegen des Ablaßhandels kam es zu seiner Reformation – und eben diesen schaffte die katholische Kirche rigoros ab, als sie in Trient ihre Reformation durchführte.

„Wenn Luther heute wiederkäme“, schrieb der Lutheraner Meißinger 1946, im vierhundertsten Jahr nach Luthers Tod, „würde er sich wundern, eine katholische Kirche vorzufinden, die er nie angegriffen hätte, wie sie heute aussieht.“ Und in dem Lutherbuch (seinem letzten Werk, leider) stehen die Sätze, die wohl auch jeder redliche Katholik unterschreiben wird: „Seit der Restauration von Trient, das heißt also seit fast 400 Jahren, hat die Kirche keine schlechten Päpste mehr erlebt, wohl aber viele gute. Diesen weltgeschichtlichen Wechsel hat Luther zustande gebracht.“ Wäre nämlich der genießerische und bequeme Mediceer-Papst Leo X. ein guter und weiser Papst gewesen, dann hätte er nicht gegen Luther Prozeß geführt, den vierzig Jahre später das Trienter Konzil für verloren erklären mußte, als die Gefahr für den Bestand der alten Kirche deren beste Männer an die Spitze rief.

Von der Arbeit, die damals in Trient geleistet wurde, unterrichtet im ganzen und im einzelnen jetzt sehr gründlich und umsichtig ein weitverzweigtes Sammelwerk, das der Münsterer Kirchenhistoriker Georg Schreiber herausgegeben hat: „Das Weltkonzil von Trient. Sein Werden und Wirken“ (2 Bände, Verlag Herder, Freiburg, 487 und 630 S.). Aus ihm ersieht man, wie stark die Zäsur ist, die dies Konzil in der Geschichte der katholischen Kirche bedeutet. So vieles, was zur Zeit des jungen Luther noch Sache einzelner Richtungen (etwa der Thomicten oder der Occamisten) gewesen war, fand nun eine verbindliche kirchliche Definition: die Lehren von der Erbsünde, der Rechtfertigung, der Gnade, den Sakramenten. Dabei griff man allerdings zumeist auf die Tradition zurück, die von Thomas von Aquin ausgeht, und verwarf die auf dem Franziskaner Wilhelm von Occam beruhende (die sogenannte „nominalistische“, auch „via moderna“ genannt), in der Luther geschult worden war. Die Abwehr gegen Luther erfaßte also auch seine geistigen Vorväter und „Vorbereiter“, und dieser Vorgang der Konzentration hat gewiß damals die Kluft zwischen den Konfessionen vertiefen müssen. Denn inzwischen hatte im Augsburger Bekenntnis die neue evangelische Kirche ihre eigene offizielle Theologie fixiert – eine Theologie, die sich auf der von Trient abgelehnten Traditionslinie, bewegte! Aber daraus läßt sich immer noch nicht der Schluß ziehen, daß der Bruch zwischen Luther und Rom auch aus rein dogmatischen Gründen unvermeidlich gewesen wäre. Denn das hieße Luthers Willen zum Gehorsam gegen die Gesamtkirche unterschätzen. Nur eben den Ablaßskandal mochte er nicht gutheißen.

Man hat sich gewöhnt, die Rückbesinnung der katholischen Kirche, die in den Beschlüssen des Trienter Konzils und in der Gründung des Jesuitenordens gipfelt, als „Gegenreformation“ zu bezeichnen. Wirklich ist sie ja auch, wie das neue Sammelwerk in jedem Beitrag zeigt, eine Antwort auf die Herausforderung durch das Wirken Luthers und seiner Nachfolger gewesen. Aber darum war sie doch, wie wiederum jeder Beitrag des Werkes zeigt, eine echte eigene Reformation. Die Restkirche formte sich um im Hinblick auf ihren geschichtlichen Ursprung und gewann daraus neuen, besser begründeten Anspruch auf Katholizität. Sie wurde, wie jede Gestalt, die sich reformiert, unmodern. Leo X. dagegen und der Kardinal Albrecht von Brandenburg, die Luther den Prozeß machten, waren moderne Europäer gewesen – Kapitalisten nämlich, die unbedenklich die Frömmigkeit der Massen für ihre finanziellen Transaktionen einspannten und den „Peterspfennig“ mit der Hoffnung auf Erlösung aus dem Fegefeuer koppelten. Sie waren auf der Seite des Fortschritts, nicht Luther.

Erst als es zu spät war, kamen die guten Päpste, die wieder unmodern waren. Sie schafften die „via moderna“ ab – in zweierlei Hinsicht: als Richtung der Scholastik, aber auch als Finanzgebarung. Und um das ganz deutlich zu machen, desavouierten sie nachträglich den Ablaßkrämer Tetzel – denselben, den Papst Leo X. durch seinen juristischen Berater, den Dominikanerpater Prierias, gegen Luther mit dem Argument hatte verteidigen lassen: es sei Ketzerei von Luther, sich gegen eine Praxis (nämlich den Ablaßhandel) zu wenden, „die dadurch Gesetzeskraft hat, daß die römische Kirche sie zuläßt“.