Im Binnenlande erscheint Hamburg immer nur als eine Stadt des Hafens, der Schiffahrt und des Außenhandels. Tatsächlich aber hat sich seit vielen Jahrzehnten in Hamburg eine beachtliche Industrie entwickelt. Ein Viertel der in der Hansestadt insgesamt 618 000 abhängig Beschäftigten ist hierin tätig. Der Industrieumsatz betrug im vergangenen Jahr 5,5 Mrd. DM, an absolutem Umfang war er größer als in jeder anderen Stadt der Bundesrepublik einschließlich West-Berlins. Dieses erhebliche Gewicht verlangt eine eigene hamburgische Industriepolitik, soweit eine solche auf „Landesebene“ möglich und angebracht ist. Die Entwicklung ist tatsächlich von einer solchen Politik begleitet gewesen. Generelles, grundsätzliches Ziel dieser Politik muß es sein, den Wirtschaftsbereich „Industrie“ aus konjunkturellen und strukturellen Gründen zu fördern und zu stärken und damit der hamburgischen Wirtschaft den notwendigen Beschäftigungs- und Konjunkturausgleich in sich zu ermöglichen.

Dabei sind zwei Bedingungen zu beachten. Geschichtlich gesehen ist Hamburgs Industrie gewachsen auf Grund der Standortgunst des Platzes. Hafen, Schiffahrt und Handel haben in der Vergangenheit zu einer Ansiedlung von Industrien geführt, die mit diesen Bereichen zusammenhängen. Diese Standort-Bedingtheit bestimmt auch heute noch das Bild der hamburgischen Industrie. 46 v. H. der Beschäftigten und 64 v. H. der Umsätze entfallen allein auf die Seehafen-Industrie, d. h. auf die Industrie, die direkt von Hafen, Schiffahrt und Außenhandel abhängig ist. Von dieser einen (Standort-)Gegebenheit hat jede hamburgische Industriepolitik auszugehen.

Zweite Determinante der Industriepolitik muß die jeweilige Lage der Industrie im Vergleich zur Gesamtsituation der hamburgischen Wirtschaft sein. Industriepolitik kann nur im Rahmen einer Gesamtbetrachtung der Wirtschaft entwickelt und betrieben werden; sie darf nicht isoliert sein. Welche Art von Industriepolitik ist in Hamburg demnach am Plätze?

Hamburgs Wirtschaftslage ist gegenwärtig gekennzeichnet durch eine Zahl von mehr als 100 000 Arbeitslosen, die sich aus der politisch bedingten Randlage Hamburgs, also dem Verlust der Hälfte seines Hinterlandes und dem ungenügenden Binnenverkehrsanschluß dieses Platzes an den industriellen Westen ergibt. 70,6 v. H. der hamburgischen Arbeitslosen gelten nach der Analyse des Bundesarbeitsministeriums als strukturell unbeschäftigt. Die Verminderung dieser Arbeitslosigkeit ist eine dringende wirtschaftspolitische Aufgabe. Da sich im Gegensatz zu dieser strukturell bedingten allgemeinen Arbeitslosigkeit die Zahl der in der Industrie Beschäftigten gegenüber der Vorkriegszeit noch um ein Sechstel erhöht hat und die günstige Entwicklung einiger Industriezweige im letzten Jahr darauf hindeutet, daß eine weitere Steigerung sehr wohl möglich erscheint, ergibt sich automatisch für die gegenwärtige hamburgische Industriepolitik die Aufgabe, durch gezielte Industrie-Förderung in wesentlichem Umfange zur Beseitigung einer Arbeitslosigkeit beizutragen, die vor allem durch einen gegenüber der Vorkriegszeit zu geringen Hafenumschlag entstanden ist.

Auf welche Gebiete hat eine solche Schwerpunktpolitik abzuzielen? Die hamburgische Industrie setzt sich zusammen aus

1. einer reinen Konsumgüterindustrie zur Deckung großstädtischen Bedarfs,

2. aus einer Veredelungsindustrie für die über den Hafen eingeführten Güter (Einfuhrindustrie) und