Die höchsten Wohnhäuser in der Bundesrepublik

Dem Besucher Hamburgs, der sich die Stadt mit Bewußtsein anschaut, wird es bald zur Erkenntnis kommen, wie wenig alte Bauten erhalten sind, und daß unter den erhaltenen nicht eines von wirklicher Größe ist. In den alten Nachbar- und Konkurrenzstädten Bremen und Lübeck, selbst in Lüneburg ist es anders, obwohl Hamburg in der Entwicklung diese bald überholt hatte, reicher als sie und schon vor Generationen zu einer der großten Städte der Erde geworden war. Von allem, was früher wenigstens den Reiz des Malerischen besessen, hatten sich bis in unsere Generation nur die „Slums“ erhalten, die Elendsquartiere einer großen Hafenstadt: das sogenannte „Gängeviertel“ und der Stadtteil, der den großen Kontorhäusern am Meßberg gewichen ist. Auch das Gängeviertel besteht nicht mehr, nur die Namen sind teilweise auf Schildern erhalten, zu denen die Straßen in Trümmer gegangen sind; Paradieshof, Ebräergang, Venusberg, Herrlichkeit...

Natürlich hat die Brandkatasrophe von 1842, die ein Drittel der Stadt bis auf die Keller erledigte – denn alle Häuser waren aus Fachwerk – vieles gewaltsam entfernt; wir sehen’s auf alten Bildern, Aber vor diesem Brand war ja auch kein wirklich großartiges Profangebäude dagewesen, wie das Rathaus in Bremen, das in Lüneburg oder das Holstentor in Lübeck.

So ist Hamburg die Stadt der neuen Architekten geworden. Unter Högers und Schumachers Einfluß wurde aus altem Gassengerinsel das Quartier der entschlossenen Kontor-Burgen, jede ein Stadtteil für sich, Chilehaus, Ballinhaus, Sprinkenhof. Und vom Alten sind nur noch Namen vorhanden, die die Erinnerung weitertragen, jedoch inhaltlos geworden sind. Niemand versteht sie mehr: Schützenpforte, Bei den Pumpen, Grimm, Hüxter, Hopfensack, Zippelhaus ...

Die Bombenangriffe von 1943 haben wohl die Hälfte des Wohnraums zerstört, haben aber auffallenderweise die lebenswichtigen Gebäude öffentlichen Interesses stehen lassen: die Bahnhöfe, nicht allzu schwer beschädigt, Hauptpost und Haupttelegrafenamt, Rathaus kaum getroffen, das Hochhaus des früheren Deutschen Rings, die Kontorhäuser am Meßberg, das Gebäude der Hapag, die Börse ... Mancher sagt... die Engländer hätten mit Absicht diese wesentlichen Teile der Stadt geschont, von der aus sie ihre Besatzungszone verwalten wollten. Und wenn man die City nach dem Krieg ansah, war es, als wollte man’s glauben.

In ihrer Nachwirkung aber hat jene Katastrophe dem Bauwesen Hamburgs einen Auftrieb gegeben, Nach den kurzen Jahren geldlicher Wirren und seelischer Benommenheit unter dem Druck von Kriegsfolgen und Besatzung ist Hamburg entschlossen ans Aufräumen und an den Wiederaufbau gegangen. Im Architektonischen hat man sich von dem Romantischen frei gemacht. Und den konsequenten Ausdruck des Gradlinigen hat dies Bauen am Grindel gefunden, einem Gelände – zehn Minuten mit der Elektrischen von der Stadtmitte entfernt –, das einst aus einer Ansammlung ortsüblicher Mietshäuser bestand, von denen ein Teil durch die Luftangriffe zerstört worden war. Als 1946 beim Zusammenschluß der englischen und amerikanischen Zone die Möglichkeit auf tauchte, daß Hamburg die Zentrale der von den Angelsachsen verwalteten Teile Westdeutschlands würde, gingen die Engländer aufs ganze, machten das Gelände radikal häuserfrei und begannen mit dreitausend Arbeitern und den neuesten Methoden ein Stadtviertel von Hochhäusern anzulegen. In ihm wollten sie die Ihrigen in Bausch und Bogen unterbringen. Doch über das Ausgießen der Fundamente kam es wenig hinaus, da man schließlich Frankfurt zu jener Zentrale bestimmte. Die Arbeiten blieben liegen, das Begonnene drohte zu verfallen, mehrere Millionen Mark staken in dem Unternehmen und schienen verloren. Schließlich entschloß sich die Stadt Hamburg, das Werk zu vollenden,

Heute stehen die Grindel-Häuser. Kokette Anlagen verbinden sie. In ihrer Himmelstürmerei romantisch, bei aller Sachlichkeit im Äußeren, entsteigen sie als ein Hochklang der sie umgebenden Stadtgegend. Man schaut ihre gegen Himmel steigenden Fensterreihen hinauf und wünscht sich, einer der Bewohner des 14. Stockwerks zu sein, um von dort oben in die Welt hinabzublicken.