Wer geglaubt hat, daß die Internationale Automobil-Ausstellung 1953 in Frankfurt mit großen Überraschungen aufwarten wird, sieht sich enttäuscht. Möglicherweise sind die Zeiten der revolutionären Entwicklungen im Automobilbau überhaupt vorbei und an ihre Stelle ist eine Epoche der ruhigen, zielbewußten Weiterentwicklung getreten. Vom Standpunkt der Wirtschaftlichkeit aus gesehen, kann dies nur der Vorteil der Käuferschaft sein. Wahrscheinlich hat das Automobil in seiner heutigen Konzeption bereits eine derartige Reife erreicht, daß es sich bei den sogenannten „Neuigkeiten“ immer nur um Detailverbesserungen, Steigerungen der Leistung und des Fahrkomforts und – wo es zwingend notwendig geworden ist – um eine Modernisierung der Linie handeln kann.

Auch die Überraschung der diesjährigen IAA, der neue Opel „Olympia“ ist – so gesehen – keine vollkommene Neuschöpfung, sondern eine Weiterentwicklung des seit vielen Jahren gebauten und immer mehr vervollkommneten „Olympia“, Die Form der Karosserie ist moderner, fließender, und die Leistung des unverwüstlichen 1,5-Liter-Motors ist durch höhere Verdichtung und einige weitere technische Finessen gesteigert worden. Durch Vorverlegung des Motors wurde an Fahrgastraum gewonnen (bei gleichzeitig verlängertem Radstand), der Schwerpunkt liegt gegenüber der bisherigen Ausführung des „Olympia“ wesentlich tiefer, wodurch eine bessere Straßenlage erreicht worden ist. Eine verbesserte Federung, 13-Zoll-Reifen, ein vergrößerter Kofferraum, geräuschfreie Blattfedern hinten – es ist ein. neuer Wagen, aber aufgebaut auf den bewährten Elementen des bisherigen, gleichnamigen Typs.

Neu für Westdeutschland – und doch nicht neu, da bereits in den letzten Jahren vor dem Kriege entwickelt – ist der „neue“ DKW-Drei-Zylinder „Sonderklasse“, der sich der jetzt mit Vierganggetriebe ausgestatteten „Meisterklasse“ zugesellt. Während der volkseigene IFA-Betrieb in der Sowjetzone den Dreizylinder bereits seit fast zwei Jahren produziert, hat sich die Autounion in ihrem Werk in Düsseldorf Zeit gelassen, den Dreizylinder-Zweitaktmotor bis zur wirklichen Reife weiter zu entwickeln, ehe sie ihn ihrer treuen DKW-Gemeinde anbietet. Die Karosserie der „Sonderklasse“ ist gegenüber der der „Meisterklasse“ luxuriöser, mit voll versenkbaren Seitenfenstern und einem etwas eigenwillig geformten Heckfenster. Der Dreizylinder-Motor leistet bei 900 ccm Inhalt etwa 34 PS und gibt dem Wagen eine Geschwindigkeit von 115 km/st. Selbstverständlich hat auch dieser DKW den Frontantrieb und die bekannte „Schwebeachse“ und dadurch die ausgezeichnete Straßenlage. An Stelle der bisherigen 16-Zoll-Reifen verwendet man die kleineren 15-Zoll-Felgen mit groß volumigen Reifen, die eine wesentliche Verbesserung der Federung und eine Verringerung der ungefederten Massen bringen. Die DKW-„Meisterklasse“ mit Vierganggetriebe ist bereits seit geraumer Zeit auf dem Markt. Der Wagen hat ebenfalls einige Detail-Verbesserungen erfahren: Duplex-Vierradbremsen und eine Bereifung in der Dimension 5.60–15. Das neue Viergangsgetriebe erlaubt eine bessere Ausnutzung der Leistung des unverändert gebliebenen Motors von 700 ccm und 23 PS. Neu auf Meisterklasse-Fahrgestell sind der jetzt in Ganzstahl ausgeführte „Universal“ und ein Stadtlieferwagen mit großem Laderaum.

Für Deutschland neu ist der wiedererstandene Fiat 1100, der bereits in Genf sein come back feierte; äußerlich eine verkleinerte Ausgabe des „Fiat 1400“, in seinem technischen Aufbau eine Weiterentwicklung des bewährten und auch in Deutschland beliebten Fiat 1100, der sich bei einer vernünftigen Preisgestaltung in Deutschland sicher bald seine alten Freunde zurückgewinnen wird.

Damit wären in der Hauptsache die Neuigkeiten des Frankfurter Salons bereits genannt. Selbstverständlich haben auch die übrigen Werke der Tatsache Rechnung getragen, daß das Publikum von einer Automobilausstellung Neues erwartet. Zwar haben die meisten Fabriken – vernünftigerweise – ihre neuen Modelle schon kürzere oder längere Zeit vor der IAA der Öffentlichkeit präsentiert –, so Borgward den Typ „2400“, die Lloyd-Werke den „Lloyd LP 400“, die Ford-Werke den vereinfachten „Taunus 12“ und auch das Volkswagenwerk den „VW“ mit synchronisiertem Getriebe. Trotzdem sind fast bei allen auf der IAA ausgestellten Personenautomobilen kleine Verschönerungen oder auch Verbesserungen festzustellen. Beim „VW“ z. B. ein breiteres, stegloses Heckfenster, beim Borgward 1800 ein neues Armaturenbrett und einige andere Details. Der „Goliath GP 700“ hat ebenfalls ein neues Armaturenbrett, verbreiterte Sitze, eine andere Stoßstange und neue, auf die Kotflügel montierte Blinkleuchten. Mit dem bereits seit einiger Zeit gelieferten Synchrongetriebe und dem Motor mit Bosch-Einspritzpumpe hat der „Goliath“ erheblich an Temperament gewonnen (Vergasermotor 25.5 PS, Motor mit Bosch-Einspritzpumpe 29 PS). Der BMW 501 mit seinen 65 PS erschien in unterschiedlicher Farbtönung. Auch bei der Typenreihe von Daimler-Benz findet man, obwohl im Prinzip unverändert, einige technische Vervollkommnungen.

Bei den Lastkraftwagen ist, wie ebenfalls bei den Omnibussen, eine deutliche Tendenz zum stärkeren und größeren Motor unverkennbar. Lastwagen mit Spitzengeschwindigkeiten von über 100, ja bis 120 km/st sind keine Seltenheit mehr. Parallel dazu geht eine Steigerung des Komforts im Fahrerhaus, die bei dem 6,5 Tonner von Henschel sogar so weit. führt, daß ein Trockenrasierapparat mit Batterieanschluß in Serie mitgeliefert wird. Die starke Neigung zum allradangetriebenen Lastwagentyp dürfte der zukünftigen Entwicklung entsprechen, die sich bereits abzeichnet.

Aus der Baureihe der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg AG. werden erstmalig drei neue Lastwagen- sowie zwei neue Omnibus- und Obus-Typen gezeigt. Besondere Beachtung findet ein Sonderbaumuster für Exportzwecke nach Ländern mit vorwiegend anhängerlosem Betrieb. Von den Büssing-Werken – die übrigens jetzt 50 Jahre bestehen – wird der neue Typ 4000 und der Typ 4000 T in den Vordergrund gestellt, während die Hanomag mit einem Außenantrieb des Synchron-Vierganggetriebes im Hanomag-Diesel 1,5 und 2 t aufwartet. Bei Krauss-Maffei ist der Heck-Bus KMO 160 zu erwähnen? der ebenfalls dem Ruf nach dem stärkeren Motor folgt. Von Magirus Deutz ist der 03 500 H mit Heckmotor als kleinere Ausgabe des 06 500 herausgekommen. Die Überraschung auf dem Daimler-Benz-Stand ist der größere Bruder des „L 3500“, der als der neue Mercedes-Benz „L 4500“ für 4,5 t Nutzlast der internationalen Öffentlichkeit vorgestellt wird.