Jochen Klepper, der vor einem Jahrzehnt als Neununddreißigjähriger aus dem Leben schied, hätte am 22. März dieses Jahres den 50. Geburtstag gefeiert. Wenn es wirklich so wäre, daß (wie die Redensart behauptet) die Zeit alles heilt, so wäre es an diesem Tag mit einem Kranz, mit einer Strophe aus den Kyrie-Gedichten, mit einem Rückblick auf das Werk des Dichters getan. Doch das Exempel steht, und auch die Zeit vermag nichts davon wegzunehmen: nichts von seiner Schwere und nichts von seiner Größe.

Es war im Dezember 1942, zwischen dem zweiten und dritten Sonntag im Advent, als die Nachricht von Jochen Kleppers Tod sich durch den Kreis der Freunde verbreitete. Ehe die Zeitungen sie noch aufnehmen konnten, wurde vom Ministerium des Doktor Goebbels verfügt, es dürfe über diesen Tod nichts an die Öffentlichkeit gebracht werden. Der Dichter des „Vater“-Romans hatte eine große Gemeinde; durch die Seiten des Buches trat deutlich die Gestalt des Mannes, der es geschrieben hatte: tapfer, untadelig, fromm, erfüllt von einer tiefen Bereitschaft zum Leiden. Wenn Männer dieser Art die Waffen streckten, so mußte man den Gründen nachfragen. Darum war geheim zu halten, daß es ein Tod von eigener Hand war, und ein Tod zu dritt. Klepper hatte sich mit seiner Frau und deren Tochter das Leben genommen. Nach einer Rücksprache beim Staatssicherheitsdienst, dem letzten Versuch, Frau und Stieftochter, die beide von jüdischer Abkunft waren, vor der Verschleppung zu retten, hatte er gemeinsam mit ihnen den Schritt aus der Welt getan. „Gott weiß, daß ich es nicht ertragen kann, Hanni und das Kind in diese grausamste und grausigste aller Deportationen gehen zu lassen ...“

Klepper kam aus einem schlesischen Pastorenhaus. Heimat und Herkommen haben seine Art geformt und zeitlebens bestimmt. Die Geschichte Friedrich Wilhelms von Preußen, des „Vaters“, ist nun gewiß kein schlesischer Stoff. Hier weht Havel-Luft, nicht mehr Oder-Luft wie im Erstling, dem „Kahn der Fröhlichen Leute“. Aber die Sicht der Figur, die Revision der ausgelaugten Legende von dem starken Mann, der Preußen aufgebaut haben sollte, indem er die preußische Armee aufbaute; die radikale Übersetzung der Friedrich-Wilhelm-Gestalt aus einem Eisen-König in einen Leidens-König kann ihre Wurzeln nicht verleugnen, nicht ihre Herkunft aus dem Boden, auf dem niemals die Herolde der starken Hand gewachsen sind, wohl aber die Traumdeuter und Propheten des Leidens. „Könige müssen mehr leiden können als andere Menschen“: dieses Wort Friedrich Wilhelms hat Klepper seinem Buch als Motto vorangesetzt. Das andere Wort aber, das als ein zweites, ungeschriebenes Motto über dem Buch steht, ist jene Äußerung des Predigers Roloff am Ende eines tragischen Gesprächs über die Staatsroutine: „Nein, Majestät, Sie haben mein Amt und das Ihre nie mißbraucht.“

Dieser preußische Roman, der die alte und die eben neu formulierte Legende von Potsdam in so vielen Stücken dementierte, der an die Stelle der Selbsterhebung die stündliche Verantwortung vor Gott setzte, an die Stelle der Ruhmredigkeit die Demut, an den Platz der Goldmacher den Mann mit dem ehrlichen Groschen: Kleppers „Vater“-Roman ist damals sehr genau verstanden worden. Nach einem kurzen Schock der Verblüffung kam der außerordentliche Erfolg. Die Schrifttumskammer quittierte mit dem Ausschluß – eine Gegenfronde manövrierte dem also Exmittierten die Erlaubnis zum Schreiben zu. Doch Klepper ließ sich nicht täuschen. „Der Hintergrund des großen Untergangs erhebt sich über alledem immer dunkler, schwerer, völliger.“ So steht es im Tagebuch: 1937.

Damals geschah es, daß die Rückkehr zum Pfarrhaus, zu den nie vergessenen Anfängen, sich immer klarer in ihm vorbereitete. Januar 1937: „Heute ist es 10 Jahre her, daß ich in Beuthen in Vaters schwerer Krankheit meine einzige Predigt hielt. Gott gebe mir das Pfarramt und auch das Pfarrhaus auch als Schriftsteller.“ Der Sohn des Pastors von Beuthen an der Oder hatte als Theologe begonnen. Dann hatte die Dichtung, hatten die Kunst und die Geschichte ihn im äußeren Wandel einen anderen Weg geführt; er war ihm gefolgt, nicht um fortzugehen, sondern um wiederzukehren.

Noch unter der Arbeit am Friedrich Wilhelm war Klepper der anderen fixierenden Gestalt seines dichterischen Lebens begegnet. „Heute sprachen wir zum erstenmal von Katharina von Bora, als könnte das das nächste Buch sein.“ Und in Klammern: „Ein noch kaum vorstellbarer Gedanke.“ Doch vom Augenblick an wußte er, es gab kein Ausweichen. Nach Potsdam: Wittenberg. Da war sie wieder, die geheimnisvolle, die ungeheure Gleichnisbeziehung. Noch wurden andere Pläne registriert, noch war ja auch das „Vater“-Manuskript nicht abgeschlossen. Er sagte es sich täglich vor – auch, daß ihn dieses Leben nicht mehr tragen wollte. Aber da half keine Einrede; hinter jeder Stunde stand die Gestalt der um des Evangeliums willen entlaufenen Nonne, des Fräuleins von Bora. Jenes Evangelium aber war durch Luther aufgetan; durch ihr Leben führte der Weg in Martin Luthers Welt. „So schwer dieses Buch mir auch fallen wird ... wieder die ganze Existenz aufs Spiel setzend, wieder so unübersehbar schwer: an der Wahl, an der Entscheidung gibt es keinen Zweifel.“ Von diesem Buch ist nur das erste große Kapitel, gute hundert Seiten, abgeschlossen worden. Mehr als zweitausend Studienblätter fanden sich in den Arbeitskästen. Was der Dichter sich vorgesetzt hatte, wissen wir aus den Aufzeichnungen: in der Geschichte des Hauses, des ersten deutschen Pfarrhauses, die Entstehungsgeschichte der deutschen Bibel. Unendliche Aufgabe, noch von keinem gemeistert. Wir besitzen ein Wort der Frau, die jeden Gedanken mit Jochen Klepper teilte, eine Äußerung aus einem Gespräch zwischen den Gatten: „Dieses Thema hätte am Ende deines Lebens stehen müssen, weil kein etwaiges künftiges mehr dein Thema sein kann.“ Hans Nowak