Von Jan Molitor

Berlin, im März

Daß man in Berlin doch immer dies schlechte Gewissen hat, wenn man zu Besuch aus dem Westen rasch hinüberflog in die alte Reichshauptstadt, in der man früher lebte! Allen, denen es ebenso geht, sei hier ein Rat erteilt: Hütet euch, Berlin zu loben! Der Kurfürstendamm strahlt zwar noch mehr im Licht als ehedem, und was die Leipziger Straße, die in den Ostsektor geriet, verloren hat, ersetzt die Schloßstraße in Steglitz. Aber hütet euch! Wer beim Wiedersehen und in der Freude, daß sein Heimweh besänftigt wurde, anfängt, Berlin und die Berliner zu loben, der sieht im Gesicht seines berlinischen Freundes und Kameraden von einst ein Lächeln aufsteigen, gemischt aus Stolz, Ironie, Überlegenheit und Wehmut. „Wann geht dein Flugzeug?“, antwortet der Berliner, und dann ist man still.

Ja, und dann startet das Flugzeug, und von 50 Passagieren sind 46 Flüchtlinge: die haben tagelang, wochenlang in Berlin herumgestanden; nun ist ihnen beschieden, im Westen vor Baracken und Amtsstuben, vor Schreibtischen und vor Registrierkarteien herumzustehen. Aber in Berlin haben sie doch wenigstens eins erfahren, was vor 1948, vor der Währungsreform, auch im Westen noch sehr stark vorhanden war und was sich dann peu à peu verringerte: Solidarität, Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe ... nennt’s wie ihr wollt; die Worte klingen abgegriffen, weil sie den Heuchlern, aber auch den Organisatoren und Propagandisten zu oft von der Zunge gerollt sind; aber wer will, kann dennoch verstehen, was diese Worte bedeuten...

Mir fiel auf: In Berlin sind die Lokale – auch die teuren – billiger als in Westdeutschland. Erklärung: Es fehlt allgemein das Geld. Mir fiel auf: Als der Rundfunk seine – übrigens glänzend gelungenen – Veranstaltungen zum Besten der Flüchtlinge darbot, waren an den Spenden trotz der Geldknappheit am meisten die Berliner beteiligt, prozentual gerechnet; det fiel mir uff. Und dann: Die kleinen Händlersleute mit den Obst- und Coca-Cola-Ständen, die sich vor dem Amtssitz des Senators für das Sozialwesen in der Kuno-Fischer-Straße aufgebaut haben, sie lassen manches krumme Geldstück gerade, manche Ost-Mark, det fiel mir ooch noch uff: West-Mark sein. Sogar die „fliegenden Händler“ mit ihren „Bauchläden“ handeln so großzügig gegenüber den Flüchtlingen, die hier eintreffen. Sie wissen: viele kommen ohne einen Pfennig Geld. Ach, wie schön, wollte Walter von Cube, der bayerische Rundfunk-Chefredakteur, die „selbstmörderische Humanität“ besitzen, sich ein Weilchen in die Kuno-Fischer-Straße zu stellen. Keine Angst! Man macht sich da nicht schmutzig. Der idyllische Lietzensee liegt dort und sieht unter der ersten Frühlingssonne heiter, sauber, freundlich aus, und die meisten Flüchtlinge, die sich zum Registriertwerden anstellen, haben ihre besten Anzüge am Leibe, ihre Sonntagskleider: das gibt dem Flüchtlingselend eine gepflegte Note.

Die Leute sind auch nicht so, daß sie schimpfen, wenn ihnen das Warten zu lange wird. Sie tun den Mund nicht auf. Entweder schweigen sie. weil sie nicht gewöhnt sind, den Mund aufzutun, oder weil sie – auch hier noch – Angst vor Verrätern haben. Wenn Walter von Cube aber in der Kuno-Fischer-Straße stünde, so würde der Anblick der Flüchtlinge gewiß sein Herz rühren. Gewiß wäre er dann auch bereit zu prüfen, was Wahres oder Unwahres an seiner im bayerischen Rundfunk verkündeten Theorie ist, daß der Osten absichtlich die Flüchtlinge nach Westdeutschland presse, um unseren Wirtschaftsaufbau zu stören, und daß wir im Westen uns dagegen wehren sollten, indem wir die Grenzen sperren.