Ohnmacht der öffentlichen Hand steigert sich mit der Zahl der Verkehrsunfälle

Der deutsche Kraftfahrzeugverkehr ist nicht schlechter, aber auch nicht besser als anderswo. Die Krise ist hier lediglich rascher und plötzlicher eingetreten als in andern Ländern, wogegen die Anpassung der Mentalität der beteiligten Kreise an den heutigen Zustand viel langsamer vor sich geht. Ebenso ist das Verständnis von seiten der öffentlichen Meinung weit zurückgeblieben. Es fehlt sowohl den Straßenbenutzern aller Art als auch den Behörden die Erfahrung, um die in Bewegung befindlichen Tendenzen und die wachsenden Gefahren gebührend zu erfassen. Das seit 23. Januar in Kraft befindliche Gesetz zur Sicherung des Straßenverkehrs soll nun in der Rechtszersplitterung zwischen Bund und Ländern eine Brücke schlagen und zugleich die fortschreitende Motorisierung mit den zunehmenden Verkehrsunfällen in eine Relation bringen, die auch den nicht mit Motorfahrzeugen privilegierten Bürgern gestattet, ihre angestammten Rechte des Lebensgenusses ohne stete Gefahr und Motorenlärm auszuüben ...

Auf 3 Mill. zugelassene Motorfahrzeuge zählen wir heute rund 300 000 festgestellte Unfälle. Jedes zehnte Fahrzeug wird daher wohl dieses Jahr mindestens einen Unfall verursachen und jeder 200. Einwohner des Landes hat Aussicht, früher oder später von einem Fahrzeug verletzt oder getötet zu werden. Das Entwicklungstempo der deutschen Nachkriegswirtschaft hat allerdings Transportbedürfnisse und Anforderungen an den Verkehr erzeugt, die keine reguläre Organisation der Welt in der kurzen Zeit hätte meistern können.

Es findet gegenwärtig in der Welt ein Wettlauf zwischen der stets wachsenden Produktion von Kraftfahrzeugen und dem Verkehrstod statt. Die Ohnmacht der öffentlichen Hand nimmt im gleichen Maße wie Verkehrsdichte und Verkehrsunfälle zu. Der Straßenbau hinkt Jahrzehnte hinterher. Gesetze sind wohl überall vorhanden; es fehlt aber der Wille, sie durchzuführen. Man sucht dem Übel mit Surrogaten und untauglichen Mitteln beizukommen. Daher ist es kein Wunder, wenn die Gleichgültigkeit der Behörden, das Fehlen von konstruktiven Handlungen der Ordnungsorgane und die merkwürdige Milde der Gerichte in vielen Ländern eine latente Empörung, ja eine Panikstimmung, herbeigeführt hat, die über kurz oder lang zur Selbsthilfe gegen die verwilderten Störer der menschlichen Sicherheit ausarten wird.

Straßenbau bleibt zurück

Wenn es in der Welt keine größere Stadt gibt, wo der Verkehr auch nur einigermaßen als geordnet bezeichnet werden kann, so existiert noch viel weniger ein Industrieland, wo der Straßenbau mit der Zahl der auf die Hauptverkehrswege geworfenen Fahrzeuge mitgekommen wäre. Interessengruppen politischen und finanziellen Charakters verlangsamen den Fortschritt und geben Gelegenheit, uns an ruhige Zeiten zu erinnern, wo die Straßen kaum ausgenutzt wurden, und an die Tatsache, daß in der Vergangenheit nur außergewöhnliche Regierungsformen Paradestraßen gebaut haben, wie wir sie bei uns, in Italien und Spanien antreffen. Es ist ein Irrtum, wenn man etwa glaubt, daß z. B. in den USA oder in einem wohlgeordneten Land, wie der Schweiz, die Verhältnisse besser sind als hier. Seit dem Erscheinen der großen Personenwagen, Omnibusse und Lastwagen sind alle Straßen ungenügend, sobald der Massenverkehr einsetzt oder Hindernisse auftauchen. Es kommt überall auf eine fähige Verkehrsregelung an.

Die Rechnung für die Finanzierung des Straßenbaues wird ohne Zweifel etwas zu leicht gemacht, indem die Einnahmen aus Kraftfahrzeugen und Betriebsstoff voll dafür verwendet werden sollen. Gebaut wurden die Straßen auch von den Steuerleistungen des als Fußgänger verschmähten Teils der Bevölkerung. Im Lande der besten Überlandstraßen in Europa, in Frankreich, werden die Einnahmen aus dem Verkehr zur Deckung des Staatsbahndefizits herangezogen; in England ist das Straßensystem trotz höchster Belastungen noch auf der Stufe geblieben, als das Automobil erfunden wurde. Das Problem ist überall ungelöst und wird erst dann befriedigende Resultate zeitigen, wenn einmal der moderne Staat im Verfassungsgesetz einen Koeffizienten festlegt, der eine richtige Belastung der beteiligten Kreise und entsprechende Verwendung für Straße und Sicherheit vorsieht.