Von Gert Westphal

Die Zeit ist vorüber, in der die amerikanischen Romane in Europa geschrieben wurden. Mit William Faulkners Monologen aus der Grafschaft „Yoknapatawpha“ hebt eine Epik an, in der sich Amerika im eigenen Lande entdeckt. Da ihre Dichter zuvor in der Welt waren, bleibt diese Epik nicht in regionaler Poesie stecken. Sie steht für die Welt ein, wenn sie von den Flüssen hinter den großen Wäldern singt.

Haus aus Hauch von William Goyen (Nymphenburger Verlagsbuchhandlung, München) ist das Erstlingswerk eines jungen Dichters. Und doch ist es das Wunder einer reifen Dichtung, denn Goyen hatte die Demut, zu warten, bis er das Wort fände, „stark, klein, aber hart wie ein Stein“, bis der Atem der Dinge sein eigener Atem würde.

Auf den ersten Blick ist dieses Buch der Roman einer Kindheit. Die zerbrochene Welt der Kindheit überließ dem Jüngling Goyen die Bruchstücke und Splitter, die er zum heilen Bilde zu fügen hatte. Dann erstand das kleine Haus wieder in der Nähe von Charity im östlichen Texas, das längst zerfiel: Fraß des Windes, des Regens und der wandernden Insektenheere. Dann zog sich wieder das ärmliche Weideland hinunter zum Fluß, ehe die Bohrtürme der Ölraffinerien es zerstampften. Dann graste die Kuh wieder im dürftigen Zittergras, lockten die unheimlichen Wälder zu Vogelfang und herzklopfendem Abenteuer. Dann hockten die Alten wieder an den klappernden Laden und wachen und warten, dann wurde der Knabe Folner wieder verlockt, wenn der Zirkus seine Zelte auf der Weide aufschlägt. Die schweigsamen Männer gehen wieder zur Mühle und nachts zu den Niggern unten am Fluß. Der aber, „ein starker, brauner Gott“, wälzt seine endlosen Wasser zerstörend und befruchtend durch Land und Leben der Leute von Charity. Er ist das älteste Element, eingesetzt wieder in seine Rechte über Leben und Tod. Fluß und die wilden Wälder sind lebendig in diesem Buche der Erinnerung. Lebendig sind aber auch die Jungen, die in die Welt gehen, sich verlieren an die Wirklichkeit, die Alten, die mit dem Hause verstumpfen und verwelken. Von der Weltkarte weg, die in der Küche hängt, treibt es den Knaben fort, der dieses Buch erzählt.

Nicht Beschreibung ist Goyens Sprache, sondern reine Poesie. Eine Poesie des Anfangs, in der Lyrik und Epik noch ungeschieden sind im Aufgesang der Beschwörung. Goyens Buch hat keine lyrischen Stellen oder dramatischen Episoden, es hat nur eine unteilbare Sprache, die die Bruchstücke einer verlorenen Welt zu einem Ganzen, „heilt“. Sie stellt aus Erinnerung und Beschwörung die Ganzheit des Lebens wieder her: Die Erde und den Himmel und die Tiere und die Menschen, „aus solchem Zeug gemacht, wie das zu Träumen“.

Mit dem Haus in Texas steigt das uralte Amerika auf, so alt wie unsere Erde, das schon war, ehe Columbus an seinen Küsten landete. Die Ströme und Wälder, älter als ihre Namen, singen die Elegien – dieser Prosa, die keiner Vorbilder bedarf; vielleicht sich an Thomas Wolfes Klage „O verloren...“ in Erfahrung brachte, und – nach Goyens Zeugnis – nicht aufhören wird, William Faulkner zuzuhören. Uralte Erinnerung, vor der eigenen Existenz gesammelt, sehnsüchtige Vorahnung, über die Individualität des Dichters hinweg gefühlt: hier wird es erfahren – der Dichter ist der älteste Mensch.

Dieses Buch kündigt sich nicht als bestseller an. Es gehört so gar nicht in das – zugegebenermaßen – genormte Urteil über die amerikanische Literatur, von der man sich eine brutale Reportage nach der anderen, elementar wie neurotisch, erwartet. „Der Klang dieser Stimme wurde ein bewegendes Erlebnis. Davon habe ich Zeugnis geben wollen“, sagt Ernst Robert Curtius. Er gab es in einer wundervollen Nachdichtung, die ihresgleichen ebenso sucht wie die Dichtung Goyens.