Von Rudolf Stephan

Wenn heute jemand ausspricht, daß Hambuig jetzt wie einst vornehmlich ein Handelsplatz sei und daß der Außenhandel der Stadt ihr charakteristisches Gepräge verliehen habe und ihr eigentliches Element darstelle – so ist das in der öffentlichen Wertung keine unbedingt positive Feststellung. Der Sachverhalt wird deutlich, sobald man ihn mit den Verhältnissen vor etwa 100 Jahren vergleicht. Damals durfte; noch nahezu so unverändert wie es im Mittelalter der Fall war, die kaufmännische Betätigung als die wesentliche Quelle des Reichtums im Erwerbsleben gelten. Durch Warenhandel und Geldgeschäfte wurden Vermögen erworben. Die Erzeugnisse des Gewerbefleißes, der industria, hingegen stammten aus Betrieben, die um 1850 in Deutschland der handwerklichen Größenordnung und Betrachtungsweise kaum erst zu entwachsen begannen.

Der Unterschied zum Heute liegt klar zutage Wo das Abenteuer und Risiko der Seereise übeferne Meere – jedenfalls in der Vorstellung des Binnenländers – nach unbekannten Küsten aufgehört hat eine Rolle zu spielen, wo Schiffe zu Frachtfahrzeugen geworden sind wie Bahnen, Flugzeuge und selbst Fernlastzüge, liegt das Primat bei der industriellen Erzeugung. Es wäre unklug, sich darüber Täuschungen hinzugeben. Als gleichermaßen unrealistisch ist aber eine Betrachtungsweise abzulehnen, die aus dem Außenhändler einen allenfalls unvermeidlichen, jedoch gern entbehrten Zwischenhändler machen möchte, der seine besten Tage bereits hinter sich hat. Die Tatsachen sprechen eine andere Sprache, und hiervon soll die Rede sein ...

Das Lebenselement des Handels ist das Risiko, das scharfsinnige Erspähen von Chancen und die richtige Erkenntnis der Konjunkturbewegungen. Deshalb eignen sich Kaufleute auch so wenig zur Gruppenbildung, sei es in den Einfuhrkontoren der Importeure oder bei den Preisvereinbarungen, die weite Kreise der Industrie von jeher schätzen. Es gab daher für den Fortbestand eines selbständigen Importhandels keine schlimmere Gefahrenperiode als die Zeit, in der er als „Gruppen-Einführer“ mit Unterverteilern auf der Basis festgelegter Kontingente ein scheinbar gesichertes Dasein führte. In jenen Tagen – und sie liegen eigentlich kaum zwei Jahre zurück – hätte es leicht geschehen können, daß der hanseatische Einfuhrhandel seine Stellung einbüßte zugunsten inländischer Firmen. Wenn die Funktionen des marktgerechten Einkaufs, des Einsteigens in den Markt zum richtigen Zeitpunkt und die Vorratshaltung mit dem darin liegenden Risiko nicht mehr erfüllt werden konnten, handelte es sich ja nur noch darum, bei den Ausschreibungen feststehender und daher ohne weiteres abzusetzender Mengen einen möglichst guten Platz zu belegen. Die Platz-Wette ist aber nicht Sache des Kaufmanns. Er muß sein Pferd auf Sieg reiten.

Die fortschreitende Liberalisierung und der Übergang von der Bewirtschaftung der Mangelware zu den Problemen, wie viel oder wie wenig man kaufen darf, wann und wo dies am zweckmäßigsten geschieht, hat bei der Einfuhr größtenteils wieder die sogenannten „normalen Verhältnisse“ entstehen lassen, das heißt solche, in denen man zur peinlichen Überraschung mancher junger Firmeninhaber wieder Verluste erleiden kann. Die Stellung des hanseatischen Importhandels dürfte dadurch eher gefestigt als geschwächt worden sein.

Die Stellung des Exporteurs ist schon immer sehr viel heikler gewesen. Das will in diesem Falle besagen, daß er bereits seit 50 Jahren und länger über den zunehmenden Direkt-Export der Industrie Klage führte. Hätte es sich um eine progressive Zunahme des Eindringens der Fabrikanten auf den überseeischen Märkten der Exporteure gehandelt, dann dürfte es ihren Stand eigentlich gar nicht mehr geben. Nun hat sich aber das Merkwürdige ereignet, daß – im Gegensatz zum ersten Weltkrieg – fast sämtliche Exportfirmen die zweite kriegerische Katastrophe, die den erneuten Verlust aller Auslandsverbindungen und -niederlassungen brachte, überstanden haben. Es ist sogar eine Reihe neuer Firmen hinzugetreten. Zwar hat sich mancher Strukturwandel vollzogen. Die Ostasienhäuser, die früher zu den eindrucksvollsten Exponenten des deutschen Kaufmannstums in Übersee zählten, haben ihre Stützpunkte im Fernen Osten, häufig die Stammsitze der Unternehmen, verloren. Das mit erheblichen Unkosten verbundene Faktoreigeschäft in Afrika ist nur zum Teil wieder erstanden und wird vielleicht auch wegen der zunehmenden Bedeutung des indischen, syrischen und Eingeborenen-Elements nicht wieder den früheren Umfang erreichen. Lateinamerika ist zum Tummelplatz aller Ausführer von Flensburg bis Konstanz geworden. Wenn die in der Zahl immerhin begrenzten Vertreter drüben sich für jede ihrer Vertretungen einen Ring an den Finger stecken müßten, wäre der Anblick nicht auszudenken. Hier liegt nun wirklich ein echtes Problem vor, nicht nur für den Exporthandel, sondern für die deutsche Ausfuhrwirtschaft ganz generell: Das jahrelange Abgeschnittensein vom Export hat uns – wie auch auf allen anderen Wirtschaftsgebieten – zu dem Versuch veranlaßt, das Verlorengeglaubte mit vermehrter Anstrengung zurückzugewinnen. Die Zielsetzung war richtig, aber die dabei angewandten ungestümen Methoden lassen bereits heute die Fehler nur allzu deutlich erkennen. Das deutsche Warenangebot zeigt, besonders auf dem Konsumguterabschnitt, einen bedenklichen Überhitzungsgrad, der auf den Besteller eher abschreckend als anregend wirkt. Man verbrennt sich nicht gern die Finger an deutschen Erzeugnissen, die täglich durch Dutzende von Vertretern zu den verschiedensten Preisen und Konditionen angeboten werden.

Es ist hier nicht der Ort, um auf diese Erscheinung, ihre komplexen Ursachen und die eventuellen Möglichkeiten zur Abstellung näher einzugehen. Schließlich handelt es sich auch hier um einen Wettbewerbsvorgang, und wir wissen, daß dabei nicht immer die solideste Leistung auch die erfolgreichste ist. Der Exporteur hat es in dieser Auseinandersetzung vielfach mit Konkurrenten zu tun, denen er eine unrichtige, das heißt nach kaufmännischen Begriffen nicht exakte Kalkulation vorwirft. Das Risikomoment wird oft übersehen, weil man noch in Begriffen des Käufermarktes und der Akkreditivstellung denkt. Gerade das Risiko, das kommerzielle wie das politische, wird zu einem immer gewichtigeren Faktor, gegen den es auch kein Heilkraut einer allumfassenden Export-Kreditversicherung gibt – was für die Beteiligten schließlich auch nur gut ist. Der eigentliche stille Leistungswettbewerb vollzieht sich aber in der Schaffung der besten Absatzorganisation. Hier hat der auf bestimmte Märkte spezialisierte Exporthändler, auch wenn er – durch Erfahrungen belehrt – die Zahl dieser Märkte zu vermehren gewußt hat, doch einen natürlichen Vorteil gegenüber dem Fabrikanten. Dieser denkt in seiner Ware und möchte sie am liebsten auf allen Plätzen der Welt absetzen. Jener, der Exporteur, betrachtet seine Märkte und sieht zu, was er jeweils auf ihnen absetzen kann. Die gründlichere Warenkenntnis des Herstellers macht er durch die gründlichere Marktkenntnis wett. Die beste Verbindung beider Elemente wird gewöhnlich erzielt, wenn ein Fabrikant einem Exporteur die Alleinvertretung für ein bestimmtes Gebiet übergibt. Dann verstummen die Klagen über mangelnde Unterrichtung, über das Gegeneinanderausspielen der Lieferanten und das Preisdrücken. Es setzt dann die stille und um so fruchtbarere Zusammenarbeit ein, von der man wenig spricht.