Ein kleiner Junge – er war sechs Jahre und fünf Monate alt – stand auf dem Schulhof und aß sein Butterbrot. Es war mit Leberwurst bestrichen. Alles, was um ihn her tobte und brüllte, war bedeutend größer als er, und weil er zudem noch aus Furcht, man könnte ihn anrempeln, sich ein wenig duckte, erschien er sehr klein. Weil er aber so klein erschien, hielten sich die Großen für tapfer genug, ihm die Mütze vom Kopf zu schlagen. Es tat nicht weh, es war nur bitter; aber er hob tapfer seine Mütze wieder auf und biß weiter in sein Butterbrot.

Er biß mechanisch in die Mitte, kaute und biß wieder in die Mitte, bis er endlich nur noch ein Hufeisen in der Hand hatte, das ihm mit seinen Enden ein wenig Leberwurst an die Wangen schmierte. Plötzlich stieß ihn ein besonders tapferer Rohling so hart an, daß ihm das Brot aus der Hand fiel und verloren im Schmutz lag. Sein Mund zuckte fatlos, und seine Augen kämpften mit etwas Salzwasser, und er wußte nicht mehr, was er nun tun sollte. Im gleichen Augenblick aber schellte es, und er rannte erlöst fort, um sich aufzustellen.

In der Klasse duckte er sich noch immer, so daß ihn der Lehrer nicht sah und er ungestört an sein Brot auf dem Schulhof denken konnte. Und weil er sehr streng erzogen war, dachte er immer wieder nur einen Gedanken:

Der liebe Gott hat das Brot geschenkt, damit wir leben können und nicht Hunger leiden. Wer aber dieses Geschenk nicht achtet und fortwirft, wird eines Tages mit großem Hunger bestraft werden.

Er versuchte sich zwar immer wieder zu verteidigen, er hätte das Brot nicht fortgeworfen, es sei ihm doch vielmehr aus der Hand geschlagen worden; aber er wußte nicht, wie er das dem lieben Gott klarmachen könnte, und konnte sich nicht mehr gegen die Furcht wahren, er müsse eines Tages verhungern.

Als die Furcht fast unerträglich wurde, kam ihm eine Idee. Er fragte seinen Lehrer, ob er austreten dürfte, und rannte auf den Schulhof hinaus, um rasch sein Brot zu essen. Aber als er es fand, sah er, daß es inzwischen von leichtsinnigen Sohlen vollkommen verschmutzt worden war. Er war wieder ratlos, weil er nicht wußte, ob der liebe Gott ihm zumuten würde, solch ein Brot noch zu essen. Das konnte wohl kaum möglich sein; aber weil er darin keine Sicherheit hatte, hob er es zunächst einmal auf und wickelte es in das Papier, das er noch in der Tasche trug, um sich dieses Problem erst einmal in Ruhe zu überlegen.

Noch in der Schule kam ihm die rettende Idee: Er brauchte es nicht selbst zu essen, sondern konnte es den Vögeln geben, die ja schließlich auch Geschöpfe des lieben Gottes waren und ernährt werden mußten. Das war ein sehr guter Einfall, und er konnte kaum das Ende der Schule erwarten.