New York, im März

Die dritte Dimension kommt – das heißt im Film kommt sie. In Natura haben wir sie ja schon immer. Haben wir sie wirklich? Die optischen Weisen belehren uns, daß wir nur auf wenige Meter wirklich „plastisch“ sehen, und daß in größerer Entfernung nur die Gewohnheit des Auges uns die dreidimensionale Illusion verschafft! Aber genau so sehen wir ja Bilder, Photographien – auch Filme. Und der ganz Naive sagt staunend: „Dritte Dimension – wieso? Ich sitze im Kino und habe immer den Eindruck richtigen – das heißt doch auch plastischen Geschehens! Was soll mir also die Neuerung?!“

Legt man aber Bilder unter ein Stereoskop, treten bekanntlich Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund in Distanz auseinander – und nun sieht man erst, daß man vorher nicht stereoskopisch gesehen hat! Ein dreidimensionaler Film ist also eigentlich eher da, ein Bedürfnis zu schaffen als zu befriedigen! Aber nachdem er einmal da ist, wird er gewiß nicht aufzuhalten sein; die technische Lawine rollt unwiderstehlich. Bedürfnis oder nicht – der dreidimensionale Film wird so gewiß kommen, wie der Tonfilm und der Farbfilm gekommen ist. Man nennt ihn bereits des Filmlebens „dritte Revolution“, und die Amerikaner haben mit „3 D (Three Dee)“ schon den einhämmernden Slogan gefunden. (Siehe auch „Die Zeit“ Nr. 4 vom 24. Januar 1952.)

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In New York begann es vor einem halben Jahr. Ein großes Broadway-Theater kündigte Vorführung des neuen plastischen Films nach dem Panoramaverfahren an! Es war ein Riesenerfolg: die Leute standen Schlange um den Block herum, das Kino war auf Monate ausverkauft. „Cinerama“ – der geschickte Titel vereinte das Cinema mit dem „Panorama“ alter Erinnerung, wo ja auch ein Bild durch plastische Vordergrundfiguren die Illusion erregte, man befände sich mitten darin. Es war ein riesiger Apparat, den der Erfinder, Fred Waller, in Bewegung gebracht hatte. Die mächtige, gekurvte Leinwand hatte den mindestens zwölffachen Umfang der gewöhnlichen Kinoleinwand. Sie wird durch drei große Apparate belichtet, die in Häuschen im Zuschauerraum eingebaut sind. Der mittlere Apparat bestrahle die mittlere Leinwand, die beiden anderen überkreuzen sich: der linke gibt der rechten Flügelkurve Bild, der rechte der linken. Vorn ist noch ein Gehäuse für den Koordinator, der die Zusammenarbeit der drei Apparate zu kontrollieren hat, und irgendwo muß für die komplizierte Tonsendung, die vor und hinter dem Zuschauer räumliche Illusion erweckt, noch ein Extramann angesiedelt gewesen sein.

Und so ging es los: Zuerst war nur die Frontseite eines Waggons der großen Schleifenbahn auf dem Rummelplatz zu sehen. Unter obligatem Höllenlärm fuhr das Ding los. Plötzlich glaubte man drinzusitzen – denn rechts und links tauchte in höchst realistischem Abstand der Untergrund auf und verschwand, während der Waggon kopfüber schoß. Dem Betrachter, der ja Mitfahrer geworden war, wurde ganz real übel! Triumph der Illusion! Dann geschah Besseres: Wir sahen den weiten Markusplatz von Venedig und die engen Kanäle; wir sahen eine Stierkampfarena in Sevilla. Und dann gab es noch eine große Luftreise über ganz Amerika mit herrlichen Landschaftsblicken von oben. „Handlungen“ gab es nicht. Die einzige Solofigur war Lovel Thomas, Amerikas bester Sprecher, der erklärte, Held dieser Vorführung solle nur der Apparat sein.

Und was tat nun dieser Apparat? Den einzelnen, also wesentlich Mr. Thomas, hob er etwas schärfer vom Hintergrund ab, als ein gewöhnlicher Film das tut. Aber man mußte schon genau aufpassen, um einen Unterschied zu bemerken. In der Darstellung von Menschenmassen jedoch, die er uns in hundert abgehobenen Figuren sehen ließ, war er groß. Der gewöhnliche Film gibt uns das Gefühl der Masse ja meist durch die List, Einzelaufnahmen kleiner Ausschnitte sehr schnell wechseln zu lassen. Wenn der Film bisher mal aus großer Entfernung wirklich wimmelnde Masse aufnahm, war es ein ausdrucksloser Ameisenhaufen. Das ist hier anders. Und anders ist auch Tiefe und Weite der Landschaftsbilder. Dieses Wunder aber wird gar nicht dadurch bewirkt, daß der Apparat etwas „Plastisches“ tut. Aber weil er durch die Riesenweite der gekurvten Leinwand dem Natureindruck so viel näher kommt als der gewöhnliche Film, so tut unser gefälliges Auge den Dienst, an den es in der Natur gewöhnt ist: Es erzeugt plastische Illusion.