III. Ein Kapitalist wird von den Sowjets als Bürgermeister eingesetzt – Erlebnisse einer Frau in der Sowjetzone / Von ***

In der vorigen Ausgabe der ZEIT schloß der Bericht über die Erlebnisse jener Tage, in denen die Sowjets als Sieger in „ihre“ Zone einrückten, mit der Schilderung einer wüsten Orgie. Nachmittags noch hatte Iwan Petrowitsch, der Kosaken-Kommandeur, sich als Schützer der Frauen erwiesen, abends ertrank er im Alkohol, nachts stellte er den Mädchen nach. Am anderen Morgen aber, als seine Kosaken sich zum Aufbruch fertigmachten..

Plötzlich entrollt sich drunten im Park ein grandioses Schauspiel, die Szene eines gigantischen Balletts: Unter den Bäumen stehen, kreuz und quer verstreut, Panjewagen, und da gehen losgeschirrte Pferde. Im Vordergrund haben sich die Kosaken gesammelt, mit Schnauzbärten und Pelzmützen. Vor ihnen aber steht die mächtige Gestalt Iwan Petrowitschs, das Rot in seiner Kosakenmütze leuchtend wie Mohn. Er hält einen flammenden Appell, mit der Stimme einer Orgel. Eine Furioso erfaßt sie alle; sie springen auf und ab, drehen sich, tanzen, werfen wirbelnd ihre Pelzmützen in die Luft. Einer singt in höchstem Falsett, der Chor antwortet, eine magische Kraft wölbt sich über dem Bilde.

Wie gebannt schaue ich zu. Thomas steht neben mir. Obgleich er keine Sekunde dieser Nacht schlief, ist er so frisch wie die Bäume draußen in der Morgenluft. Er hat den Rest der Nacht auf der Kellertreppe verbracht, die Kaffeemühle zwischen den Knien, um Iwan Petrowitsch zu überwachen, der wie ein Panther das Lager der Dolmetscherin im Keller umstrich. Thomas hatte den gemahlenen Kaffee immer wieder von neuem in die Mühle geschüttet und gemahlen. Und der Riese war bei ihm geblieben, hatte geredet, geredet, geredet...

Durch das Fenster dringen die Sammelappelle des Regiments, das zum Abmarsch rüstet. Die Troßwagen werden bepackt und herausgefahren. Und da sehe ich, daß ein Trupp der schnauzbärtigen Kosaken mit den langen Peitschen, die bisher unseren Garten bevölkert hatten, von Haus zu Haus wandert, die Betten herausholt und auf die Panjewagen stapelt. Hinter ihnen laufen die Frauen heulend und händeringend aus den Türen, aber die Kosaken sind gänzlich ungerührt.

Wir schleppen unsere Matratzen schnell auf den Hängeboden hinauf, werfen noch ein paar Stühle um, die sonstige Unordnung genügt vollauf zur Dekoration, und da sind ein paar der Krieger auch schon in unserem Haus. Ich führe sie bereitwillig durch alle Zimmer und sage bedauernd: „Kamerad schon alles geholt...“

Mit Stiefeln, breit wie Brote, die Peitschen aufrecht in den Fäusten, wandern sie stumm wieder hinaus auf die Straße.