J. A. H., Paris, im März

Unter den Problemen, die einer deutsch-französischen Verständigung im Wege stehen, nehmen jene wirtschaftspolitischer Natur einen bedeutenden Platz ein. Die Furcht, vor allem in den rechtsgerichteten Kreisen Frankreichs, vor dem Wiederaufstieg der deutschen Wirtschaft sind durch die Besorgnis begründet, daß Frankreich diese Entwicklung nicht nur nicht aufhalten kann, sondern daß gleichzeitig mit dem ins Auge fallenden Wiederaufstieg der deutschen Wirtschaft ein Nachlassen der französischen Wirtschaftsaktivität festzustellen ist, die nicht nur in dem bedeutenden Außenhandelsdefizit Frankreichs ihren Ausdruck findet, sondern auch in dem Rückgang der Produktion.

Erreicht der Produktionsindex der Industrie in Deutschland die Ziffer 167, so weist er in Frankreich die Ziffer 143 aus, nachdem ein Jahr zuvor der Index der Produktion 151 erreicht hatte. Von 1951 bis 1952 stieg der Wert der Exporte Deutschlands um 10 v. H., der Wert der Exporte Frankreichs ging in der gleichen Zeit um 12 v. H. zurück. In den letzten Monaten hat Deutschland auf dem französischen Markt einen vorherrschenden Platz erobert. Die französischen Importe aus Westdeutschland erreichten im Vorjahr einen Wert von 114 958 Mill. ffrs., die französischen Exporte nach Westdeutschland hingegen einen Wert von nur 78 909 Mill. Gleichzeitig aber stieg in dem gleichen Maße, wie der Anteil Frankreichs am europäischen Gesamtimport zurückging, der Anteil Westdeutschlands.

Man kann in diesem Zusammenhang feststellen, daß es ursprünglich diese wirtschaftliche Entwicklung war, die zu einer Stärkung der europäischen Konzeptionen in Frankreich geführt hat. In jenen Kreisen, die der französischen Wirtschaft und vor allem der französischen Schwerindustrie nahestanden, hatte man gehofft, daß der Schuman-Plan vor allem die Möglichkeit bieten würde, doch in einem bestimmten Ausmaß die deutsche Wirtschaft unter Kontrolle zu halten, und daß die Montan-Union einen gewissen Schutz für die französische Schwerindustrie und darüber hinaus für die französische Wirtschaft überhaupt bieten würde. Diese Hoffnungen haben sich nun offenbar als falsch erwiesen, und man kann sehr wohl beobachten, daß gerade jene Kreise, die vorerst sehr entschieden und überzeugt für die europäischen Projekte eintraten, sie nun zum Teil ablehnen, zum Teil sogar aktiv bekämpfen.

Es wird hier u. a. auch darauf verwiesen, daß die günstigeren Produktionsmöglichkeiten der westdeutschen Industrie eine französische Konkurrenz erschweren, weil z. B. in Westdeutschland Löhne und Soziallasten niedriger wären als in Frankreich. Wenn man als Vergleichsbasis die Indexziffer 100 für den durchschnittlichen Stundenlohn in Frankreich annimmt, so erreicht der durchschnittliche Stundenlohn in der Bundesrepublik gegenwärtig die Indexziffer 96. Die Soziallasten, mit Ausschluß der Steuern, betragen in Frankreich 55,75 v. H. und in Westdeutschland 36 v. H., so daß der durchschnittliche Stundenlohn zusammen mit den Soziallasten bei einer Indexbasis 100 für Frankreich erst die Indexziffer 83 für Deutschland erreicht. Der Anteil der indirekten Steuern an den Produktionskosten der Stahl- und Kohlenindustrie stellt sich in Frankreich auf 16 v. H. und in Deutschland auf 9,33 v. H., während der Anteil der direkten Steuern 2,68 v. H. in Frankreich und 3,87 v. H. in Deutschland beträgt.

Das letzte französisch-deutsche Handelsabkommen wurde am 24. Januar nach langwierigen Verhandlungen abgeschlossen. Es handelt sich lediglich um ein Provisorium, das am 1. April wieder sein Ende findet. Die Schwierigkeiten, die bei den Besprechungen auftauchten und die dem Abschluß eines längerfristigen Vertrages im Wege stehen, sind – so erklärt man hier – auf die deutschen Exportwünsche zurückzuführen, denen Frankreich nicht beipflichten kann, so vor allem, was den Export der mechanischen Industrie und den der Baumwollindustrie betrifft. Die Krise, die in Frankreich sowohl die mechanische Industrie und auch die Textilindustrie in starkem Ausmaße betrifft, verhinderte Zusagen in dieser Richtung. Indessen weist der abgeschlossene Vertrag verschiedene Vereinbarungen auf, die den guten Willen zu verstärktem Handelsaustausch beweisen.

Nach dem 1. April wird es wohl wieder zu einem vertraglosen Zustand kommen, und ein länger währender Handelsvertrag wird erst dann möglich sein, wenn sich in der wirtschaftlichen Entwicklung Frankreichs die Faktoren Sicherheit und Stabilisierung erhöht haben werden und Frankreich zu jener Befreiung des innereuropäischen Handelsverkehrs von allen Importbeschränkungen zurückkehrt, die im Mai 1951 eingeführt wurden, um die französische Wirtschaft zu schützen. Dieses Ziel wurde freilich nicht erreicht. Die Voraussetzung zur Rückkehr von liberaleren Maßnahmen im innereuropäischen Wirtschaftsverkehr aber ist nicht nur eine Neuregelung des Wertes der französischen Währung sondern darüber hinaus eine endgültige Absage an die bisher hoch im Kurs stehenden protektionistischen Tendenzen in der französischen Wirtschaft.