Von Artur Rosenberg

Glauben Sie nur ja nicht, daß ich ernsthaft Deutsch lerne. Aus Vorsicht will ich gerade soviel wissen, wie man braucht, um zu seinen Bediensteten und zu seinen Pferden zu sprechen“, schrieb Voltaire 1750 aus Deutschland nach Frankreich. 1754 bekundete Abbé Reynal: „Es gibt keine drei französischen Schriftsteller, die Deutsch verstehen.“ 200 Jahre später, eben in diesen Tagen, machte der Verband der französischen Neuphilologen eine Eingabe bei der Regierung, damit dem Deutschunterricht in den Gymnasien wieder seine führende Rolle zuerkannt werde.

Zwischen diesen beiden Daten liegt die lange eregte und erregende Geschichte böser Verachtung und wahrer Verhimmelung, völliger Unkenntnis und tief eindringender Verbreitung der deutschen Sprache im französischen Volk. Dem so nüchternen Gegenstand der Verbreitung der deutschen Sprache in Frankreich hat der französische Germanist Paul Levy in seiner zweibändigen Geschichte „La Langue Allemande en France (IAC, Lyon 1953) alle Lichter abgewonnen, die aus der wachen Berührung mit allen Formen des Lebens aufspringen. Zum erstenmal wird hier eine grundlegende Geschichte der deutschen Sprache in Frankreich gebracht.

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts begann der Einbruch der neudeutschen Sprache in Frankreich. Die beiden ersten Frauen Frankreichs, die Königin und die Dauphine, waren deutsche Prinzessinnen. Damit gewann die bisher so abschätzig beurteilte deutsche Sprache ein neues Gesicht. 1754 erschien zum erstenmal ein deutsch-französisches Wörterbuch, im gleichen Jahr die erste Grammatik der deutschen Sprache, eine Bearbeitung von Gottscheds Deutscher Sprachkunst, Praktisch war das Buch ein Lernbehelf für Militärs, für solche, die „auf Campagne“ gegen Deutschland zogen, für andere, die in die Dienste deutscher Fürsten traten. Soldatentum war vielfach noch Söldnertum. 1773 zählte man allein im preußischen Heer 25 000 Franzosen, dagegen standen gleichzeitig in französischen Diensten neben 18 000 Schweizern 34 000 Deutsche. Es ist ganz überraschend, welches Heimatrecht die deutsche Sprache sich im französischen Heer erwarb. Es konnte vorkommen, daß die Soldaten eines Infanterieregiments sich solange nicht zufrieden gaben, bis nicht die Bedingung des Lesens und Schreibens der französischen Sprache für die Erreichung des Offiziersranges auf Lesen und Schreiben der deutschen Sprache ausgedehnt wurde. Der offizielle Bericht über die Erstürmung der Bastille, dieses größte Ereignis der neueren Nationalgeschichte, wurde von dem Befehlshaber der Festung, einem Schweizer Leutnant, in deutscher Sprache abgefaßt.

Zu einer neuen Quelle wechselseitiger Durchdringung wurde die Revolution. Mit dem Bastille-Sturm begann die Emigration, die 150 000 Franzosen ins Ausland führte. Die meisten suchten in Deutschland Zuflucht, weil es als das Land der Freiheit betrachtet wurde. Die Emigranten lebten allerdings meist unter sich. Der geistige und sprachliche Austausch war deshalb geringer, als man erwarten konnte. Gleichzeitig setzte aber der Strom deutscher „Ideologen“ in umgekehrter Richtung ein, diese weit offen für alles, was französisch war.

Unter dem Eindruck der Leistungen der deutschen Philosophie, der deutschen Musik und Literatur blickte das geistige Frankreich zu Beginn des 19. Jahrhunderts wie fasziniert nach Deutschland. Schon um die Mitte des 18. Jahrhunderts wandten sich geistig oder modisch führende Franzosen aus Übersättigung an der Überfeinerung der französischen Kultur der Schlichtheit der Schweizer Dichtung zu. Zum. erstenmal seit zwei Jahrhunderten wurde mit Geßner ein deutschsprachiger Autor ins Französische übersetzt. Damit war der deutschen Literatur der Weg bereitet. Goethes Werther mit 18 Übersetzungen in 20 Jahren fand eine für die damalige Zeit unerhörte Verbreitung. Doch erst nach der Entdeckung des geistigen Deutschland durch Madame de Stael setzte die Schwärmerei ein, die in einem modischen Brauch zahlreiche französische Schriftsteller und Gelehrte nach Deutschland führte. Man vertiefte sich in deutsche Literatur und Philosophie, man kannte sie jedoch fast nur aus Übersetzungen. Nur wenige Franzosen rafften sich auf, Deutsch zu lernen, Vereinzelten bloß gelang es, in die Sprache so weit einzudringen, daß sie ein Buch lesen oder gär ein Gespräch führen konnten. Wenn man die Aufzeichnungen geistig führender Männer jener Zeit liest, bleibt man sprachlos vor der resignierten Ohnmacht, mit der sie die Unkenntnis einer so vielumworbenen Sprache als unabwendbares Schicksal hinnahmen. „Du hast es gut“, schreibt Lamartine an einen Freund nach Prag, „daß Du Deutsch lernen mußt. Genau genommen, ist es doch das einzige Volk, das noch denkt.“ Keiner der bekannten Romantiker, die sich doch zu Deutschland als ihrer geistigen Heimat hingezogen fühlen, verstand Deutsch mit Ausnahme von Gerard de Nerval. Noch 1859 behauptete der Germanist Matter, daß in Paris keine hundert Menschen ein deutsches Buch zu lesen vermögen. Es gab wohl zahlreiche Übersetzungen deutscher Bücher, sie wimmelten aber von den unvorstellbarsten Fehlern. So wurde Gounods Faust lange Zeit nach dem Text gesungen „Je m’appelle le Docteur Gar“. Goethes: „Heiße Magister, heiße Doktor gar“ wurde also zu: „Ich heiße Doktor Gar“. Die Beherrschung einer Fremdsprache wurde damals noch fast wie ein Wunder bestaunt. Wenn aber der seltene Fall eintrat, daß ein Franzose – wie etwa Napoleon III. – die Sprache wirklich beherrschte, fanden seine Landsleute, sein Französisch verrate deutlich das Denken in deutscher Sprache. Die starke Verbreitung des Französischen in der Welt überhob den Franzosen der Notwendigkeit, Fremdsprachen zu erlernen. Dadurch aber verkümmerten die Organe zur Aneignung fremder Sprachen ganz auffallend.

Bis in die dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts war der Unterricht lebender Sprachen in den französischen Schulen unbekannt. Doch auch dann wurde er Zufallskräften ohne Vorbildung überlassen. Jetzt konnte man zahlreichen Urteilen über die deutsche Sprache begegnen, die mit der früheren Geringschätzung aufräumten. „Nichts kommt“, so schreibt 1834 die Revue Européenne, „an Großartigkeit, derber Kraft und Reichtum der deutschen Sprache gleich. Nichts geht im menschlichen Hirn vor, das sie nicht zu erfassen und widerzugeben vermag. Kein Gefühl, das sie nicht ausdrückt, keine Schwingung der Phantasie, der sie nicht folgt, bis in Höhen, die anderen Sprachen verschlossen bleiben.“ Doch blieb der moderne Sprachunterricht noch längere Zeit eine geistige Muskelübung. Nur ausnahmsweise bemühte man sich um die Sprache als Verständigungsmittel.