F. R. S. Bern, im März

Was für Deutschland Eisen und Kohle sind, das sind für die Schweiz hinsichtlich der wirtschaftlichen Bedeutung die Milchprodukte. Der Rohertrag der schweizerischen Milchproduktion nähert sich 1 Mrd. sfrs. je Jahr. Dabei ist aber nicht der Exportmarkt am wichtigsten, sondern der Binnenmarkt. Der Schweizer ist mit seinen 238 Litern Milchkonsum pro Kopf und Jahr eine Art erwachsenes Milchkind, und die Produktion muß dieser Nachfrage irgendwie nachkommen.

Man glaubt hier zu wissen, daß es ohne Lenkung und Regelung nicht gehe. Der Milchpreis wurde daher, schon vor Jahrzehnten, zu einem politischen Preis, den das Parlament festsetzt. Die Milchverteilung ist bei einem staatlich kontrollierten Verband zentralisiert, und sowohl für die Milch selbst wie für Butter und Käse besteht eine straffe Marktordnung Streitfälle, an denen im Rahmen des Interventionismus üblicherweise kein Mangel herrscht, werden nach mittelalterlichem Zunftmuster aus der ordentlichen Rechtsprechung herausgenommen und besonderen Kommissionen – der Verbandsgerichtsbarkeit – übertragen.

Die Begründung dieser staatlichen Einflußnahme ist im Prinzip auf dem Gebiet der Milchwirtschaft die gleiche wie für andere Schlüsselpositionen: Die mit den Pflichten der Versorgung verbundenen Lasten könnten, so heißt es, von der Privatwirtschaft nur zu Preisen getragen werden, die ärmere Leute und abgelegene, stark bevölkerte Orte vom Milchkonsum praktisch ausschließen würden. Daß dieses Problem auch von einer andern Seite her; beispielsweise durch tarifliches Entgegenkommen der Verkehrsmittel, angepackt werden könnte, stand in der Schweiz noch kaum zur Diskussion.

Das an die Parlamentarier versandte „Milchstatut“ des Bundesrates sieht neben der Subventionierung lediglich die Bewilligungspflicht für den Milch- und Milchproduktenhandel, Höchstmargen, Anpassung der Importe an die Inlandproduktion und ähnliches vor. Als bestechendes Argument an die Adresse jener, die nicht von vornherein an die Überlegenheit der verbandspolitischen oder staatlichen Lenkung zu glauben vermögen, wird die „Ausmerzung des tuberkulösen Rindviehs“ in Aussicht gestellt. Davon gibt es heute noch ungefähr 240 000 (bei einem Gesamtbestand von 1,68 Mill. Stück). Auf diesem Teilgebiet hat sich der Bundesrat nun zu einem vernünftigen Experiment entschlossen. Ab 1955 spätestens wird die Milch von den Sammelstellen – abgestuft nach Haltbarkeit und Sauberkeit, vor allem in bakteriologischer Hinsicht – bezahlt. Ein Qualitätsanspruch, den man bisher meist bedenkenlos mit dem Begriff „Schweizermilch“ als erfüllt betrachtete, wird also künftig erst durch diese Draufzahlung legitimiert.