In den kommenden Monaten wird Hamburg Schauplatz einer Reihe von Veranstaltungen sein, die sich um die „Internationale Gartenbau-Ausstellung 1953“ gruppieren. Für diese Ausstellung hat die Hansestadt alle Vorbereitungen getroffen. Hamburg wird sich den Gästen nicht nur als Weltstadt präsentieren, sondern als deutsches Tor zur Welt, als Stadt des Hafens, des Handels, der Arbeit, des Vergnügens, aber auch als Stadtlandschaft von eigenartiger Schönheit. – Hunderttausende werden im „Hamburg-Jahr“ Gelegenheit nehmen, die Hansestadt neu zu entdecken. Unser Vorschlag: sie mögen bei dieser hansischen Entdeckungsfahrt sich von Norbert Jacques führen lassen, der auf dieser und den folgenden Seiten der ZEIT als Mentor auftritt. Der vielgerühmte Autor des „Dr. Mabuse“, der erprobte Reisereporter der alten „Frankfurter Zeitung“, hat seit Jahrzehnten die Angewohnheit, abwechselnd auf eigenem Hof am Bodensee und in seiner Wohnung über der Elbe in Hamburg zu leben: unermüdlicher Wanderer zwischen Süd und Nord, unermüdlicher Vagabund in Hamburg selbst, dessen Hafenwelt ihm so vertraut ist, weil er so oft von hier aus in die Welt hinausfuhr und so oft hierher zurückkehrte. Kein Zweifel, daß seine Kapitel über Entdeckungsfahrten im modernen Hamburg Liebeserklärungen sind ...

Fleete und Historie

Man kann sich vorstellen, daß auf den Geest-Erhöhungen im Weichbild der heutigen Stadt erst Fischer sich trockene Wohnungen schufen. Dann, als die soziale Entwicklung weiter fortgeschritten, gesellten sich ihnen Handelsleute zu, die die nahe Elbe hergebracht; schließlich errichtete sich einer, der gescheiter, ehrgeiziger und stärker war, einen festen Hof, schützte die andern und nahm sie in Dienst. Bis schließlich ein Heerführer im Auftrag einer politischen Macht den Hof zu einem Verteidigungswerk gegen Flußräuber und gefährliche Nachbarn ausbaute.

Fremde Leute wurden angezogen und verbrauchten Geld und lockten andere zu der Niederlassung. Aus der Siedlung wurde ein Gemeinwesen, das in die ersten Jahrhunderte weiter wuchs; es scheint um das achte, neunte nachchristliche Jahrhundert gewesen zu sein. Das überreich vorhandene Wasser aus den Mooren und Bächen der Alster und Bille und dem Strom der Elbe wurde Bestimmung. Die Wirtschaft gewann den Vorrang vor der Politik. Die Lage war ohne Konkurrenz. Ein Zentrum für Handel und Verkehr entwickelte sich.

Die Jahreszahl 1072 ist als Beginn des Bewußtwerdens der größeren Möglichkeiten festgehalten. Die Alster wurde gestaut und ihr Wasser durch Kanäle und Schleusen unter die Herrschaft der Bewohner gebracht. So entstanden die Fleete. Es war kein CanalaGrande unter ihnen. Der Lage des Gemeinwesens fehlte der Glanz, der etwa Venedig umstrahlte. Hier war Peripherie. Nahebei hörte gegen Norden die bekannte Welt auf. Die Fleete waren nichts anderes als Industriegeleise, deren Stränge zum Zentralbahnhof des Hafens führten. Die Häuser standen nicht, wie in Venedig, mit den Fronten gegen die Fleete, sie kehrten ihnen die Rückseite zu, mit den Lagerräumen und Rollenaufzügen. Die Rückseite gehörte mehr zum Charakter der Stadt als die Vorderseite.

Aber damals floß die Elbe noch in größerer Entfernung von der Niederlassung, und der Hafen lag nicht an ihr, sondern in dem Stadtteil der heutigen Nikolaikirche. Er war aus Alsterwasser gespeist. Erst im 16. Jahrhundert wurde die Elbe mit der künstlich geschaffenen Norderelbe an Hamburg herangebracht. Als später Kais mit Lagerschuppen errichtet wurden, vor allem durch die Einführung des Freihafens, büßten die Fleete an Bedeutung ein. Heute hat die Motorisierung der Warentransporte sie überflüssig gemacht. So trug man auch keine Bedenken, im Laufe des letzten halben Jahrhunderts einige von ihnen zuzuschütten, um in dem engen Raum der Altstadt mehr Platz zu schaffen. Darunter waren auch jene Fleete, die den mittelalterlichen Hafen gebildet hatten. Mit der Zuschüttung des Beckens, das heute Rödingsmarkt heißt, hatte man 1885 begonnen. Die erhalten gebliebenen Kanälchen haben kaum noch eine andere Rolle zu spielen als die einer romantischen Staffage ...

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