Viele Flüchtlinge kommen aus Rügen und aus den Gegenden der Ostsee-Küste. Und hier ausnahmsweise haben jene recht, die sagen: es würden mit Absicht Leute zu Flüchtlingen gemacht. Sie sind – ob sie Pensionsinhaber oder kleine Geschäftsleute waren – Opfer gewisser Evakuierungspläne, die mit militärischen Bauten zusammenhängen. Nicht, daß die Sowjetzonalen wünschten, sie sollten nach Westdeutschland gehen; sie behielten sie lieber als billige Arbeitskräfte im Inneren des Landes. Aber es herrscht die Ansicht: „Wenn wir schon vertrieben werden, wollen wir möglichst weit in den Westen gehen.“ Westberlin ist nur ihre erste Fluchtstation, denn über die grüne Grenze der Zone von Lübeck bis Hof kommt kaum noch jemand herüber. Seitdem der „Schußgraben“ gezogen wurde, geht der Fluchtweg fast ausschließlich über Berlin.

Die Evakuierung aber ist mit Enteignung verbunden, nicht offiziell natürlich, sondern auf heimliche Art. Und hier ist das Prinzip: Die HO, die „Handelsorganisation“, soll siegen. „Wegen der HO sind wir kleinen Geschäftsleute dran“ – das sagt ein älterer Mann, der aus Wismar kommt; das sagt – mit denselben Worten – auch eine Frau, die den kürzesten Fluchtweg hatte: sie kam aus Ostberlin ...

Sie hatte ein Geschäft, einen Laden nahe vom Alexanderplatz: Lacke, Farben, Papier. Man kennt die Treue, mit der die Berliner an ihren angestammten Vierteln, an ihren Wohnungen hängen. Diese Frau besaß 30 Jahre lang im gleichen Haus den gleichen Laden. Ihr alter westberliner Lieferant belieferte sie; die Leute in Ostberlin kauften. Da richtete der nahe HO-Laden eine Abteilung ein: Farben, Lacke, Papier. Die „DHZ“, die Deutsche Handelszentrale, gab dem HO- Laden die Zuteilung, nicht dem kleinen Geschäft, deren Besitzerin infolgedessen bei westberliner Firmen einkaufen mußte. Eine illegale, eine strafbare Handlung. Zugleich mit der Verweigerung einer Zuteilung erhielt die Ladenbesitzerin die Weisung, sie müsse einen Monatsumsatz von 25 000 Ostmark nachweisen können, dann werde ihr eine Warenzuteilung gegeben werden. Diesen Nachweis konnte sie nicht bringen. Sie betrieb mit ihrer Tochter das Geschäft. „Meist saßen wir hinter der Theke und strickten. Das hätte noch jahrelang so gehen können; wir brauchten nicht viel zum Leben, und nicht bloß der Laden – auch das Haus gehörte uns. Plötzlich geht die Tür auf. Ein Beamter kommt, die Bücher prüfen. Fängt mit dem Jahre 1948 an. Findet sofort die verbotenen Lieferungen aus Westberlin, schätzt, daß wir sogleich wenigstens 10 000 Mark Steuer nachzahlen sollen, wo unser Vermögen noch gerade 1000 Mark beträgt. Vorgestern kam ein Mann und stellte Fragen. Großes Herzklopfen – das können Sie sich vorstellen. Würde er das Wort ‚Sabotage‘ sagen, vorten wir uns denken, wie die anderen Worte hießen: Verbrechen am Volksvermögen, Zuchthaus und Enteignung. Er sagte das Wort ,Sabotage‘. In der ganzen Nacht und am anderen Morgen gingen und fuhren wir mit Straßenbahnen und mit der S-Bahn zwischen Alexanderplatz und Wittenbergplatz hin und her. Wir hatten jedesmal nur unsere Einkaufstaschen halbvoll. Zu volle Taschen darf man ja im Ostsektor nicht auf der Straße tragen; das erregt Verdacht. Am Wittenbergplatz kommen wir bei Verwandten unter. Aber wir müssen uns hier als Flüchtlinge registrieren lassen. Da sitzen wir und warten wir und sahen all die armen Leute ...“

Drinnen im Hause herrscht Frau Dr. G. – Weißes Haar, kleine, gedrungene Gestalt, energische Augen hinter scharfen Brillengläsern. Sie führt als Chefärztin die Aufsicht über mehr als 90 Flüchtlingslager in Berlin, ist stets umringt von Hilfesuchenden und redet so: „Brüllt nich, sonst sag ich kein Wort mehr. Sie, junge Frau, komm‘ Sie mal her! So blaß, jotte doch! Hier’n Zettel, lassen Sie sich ’n Tasse Milch geben! Na, machen Se schon, Sie Trödelsuse; hier haben Se ’ne Mark ... Na, nun flennt die ooch noch. Sagen Se schon ‚Danke? und halten Se ’n Mund ... Hunger kann jeder Doktor heilen; da braucht er nicht drauf studiert zu haben; braucht er bloß Geld ... Mensch, wenn ich Geld hätte! ... Na, drängeln Sie doch nich so, Sie da hinten! Wenn Se drängeln, mach ich die Bude zu; dann findet keine Flucht mehr statt; verstanden?“ – „Alter Dragoner“, murmelt ein junges Mädchen hinter ihrem Rücken. Frau Dr. G. fährt herum: „Wenn Sie kein alter Dragoner sind, können Sie mit dem Stall hier nich fertig werden ...“ und fährt dem tief beschämten Mädchen übers Haar. Und nimmt mich am Arm, führt mich durch Menschengewühl, in dem eine Gasse entsteht, wie vor einem Panzer, in den Keller, wo die Untersuchungsräume für Frauen sind. Die Frauen sind halbnackt; das stört Frau Dr. G. nicht im geringsten. Sie tippt auf Schultern und Oberarme und sagt: „So, mein Freund, sieht Hunger aus.“ Die Frauen sehen dumpf den Mann in ihrer Mitte. Und Frau Dr. G. erklärt, worauf sie Gelächter erntet: „Meine Damen, det is ’n Genießer; der kommt aus dem Westen ...“ Oh, mein Berlin.