Von Charlotte Brock-Reger

Max Reger starb am 11. Mai 1916 im Alter von nur 43 Jahren auf einer Konzertreise in Leipzig. Sein Werk war abgeschlossen. Im Sterbezimmer lagen die Korrekturbogen der geistlichen Gesänge op 138: „Der Mensch lebt und besteht nur eine kleine Zeit, und alle Welt vergeht mit ihrer Herrlichkeit.“

Das Schicksal hat Reger ein eigenes Kind versagt. Da nahm er zwei kleine Waisen zu sich ins Haus, meine Pflegeschwester Christa und mich. Und so kam ich zu ihm: Max Reger trat in ein Zimmer, wo ein kleiner Mensch im Gitterbettchen stand und mit großen Augen zu ihm hinsah. Dann lächelte der kleine Mensch, streckte seine Ärmchen aus und rief: „Papa!“ Da hob Max Reger das Kind sichtlich bewegt auf seine Arme. „Du sollst dich nicht in mir getäuscht haben“, sagte er.

Recht lebendig sind mir noch die Jahre in Meiningen, wo Reger Hofkapellmeister war. Wir Kinder waren beide noch sehr klein. Vater ließ uns damals Privatstunden nehmen und erlaubte nicht, daß wir zur Schule gingen. Auf unseren Spaziergängen mit dem Kinderfräulein sahen Christa und ich oft sehnsüchtig in den großen Schulhof hinein, wo die Kinder miteinander spielten. Als ich später den Grund erfuhr, war er mir ein neues Zeichen seiner Liebe: Reger wollte nicht, daß wir von den hindern erführen, daß wir nicht seine eigenen Kinder wären.

In Meiningen machte Vater mit uns und seinen Schülern große Wanderungen. Er hörte es nicht gern, wenn wir über Müdigkeit klagten. Erst, wenn es schon dämmerte, durften uns die Schüler Regers auf die Schultern nehmen. Schon damals wollte Vater das Gefühl in uns wecken, etwas geleistet zu haben.

Auch auf seinen Reisen umgab uns Vater aus der Ferne mit seinen Gedanken. Es waren nur kurze Kartengrüße: „Seid Ihr auch lieb? – Lügt Ihr auch nie? – Lerne fleißig! – Gehe die Treppen langsam!“

Vater verdanken wir es auch, daß wir dankbare Menschen wurden. Nie durfte eine Hausgehilfin etwas tun, wenn wir vor unsere Wünsche nicht das Wort „bitte“ setzten. „Denkt immer daran“, sagte er, „daß es Menschen sind, die für euch und eure Bequemlichkeit sorgen.“