Wenn man den Wert von Büchern danach bemessen darf, ob sie die Kraft haben, die menschliche Wesenssubstanz des Lesers anzusprechen und aufzurufen, so kann kein Zweifel daran sein, daß die Bücher Max Picards zu den bedeutsamsten unserer Zeit gehören. Ja, nicht nur unserer Zeit; denn, was sie schon für den oberflächlich Hinblickenden aus der gesamten Tagesliteratur heraushebt, ist gerade die Zeitlosigkeit ihrer Betrachtungsweise, die Unabhängigkeit ihrer Darstellung von irgendeinem „aktuellen“ Standpunkt. Stets sind die Dinge, um die es geht, in ihrer unveränderlichen und gezeigt.

In besonderem Maße verhält es sich so bei zwei Büchern, die kürzlich in zweiter Auflage erschienen (die erste ist in Deutschland noch nicht recht zur Auswirkung gekommen). „Die Grenzen der Physiognomik“ heißt das eine (Eugen Rentsch Verlag, Erlenbach-Zürich; 192 S. mit 30 Bildtafeln). Man wird hier vielleicht so etwas erwarten wie eine Abhandlung über den „heutigen Stand der physiognomischen Wissenschaft“; darüber, wie weit sie es gebracht habe, und was zu leisten ihr noch übrigbleibe. Aber nichts davon wird auch nur berührt. Nicht einmal ist etwa von jenen „Grenzen“ der Physiognomik die Rede, die ihr selbst in der Zukunft durch die Unzulänglichkeit ihrer technischen Hilfsmittel gesetzt sein werden. Sondern um die moralischen Grenzen handelt es sich vor allem. Nicht so sehr darum, wo die Möglichkeit aufhört, aus der Physiognomie auf die Beschaffenheit des einzelnen Menschen zu schließen; sondern vornehmlich darum, wo dem kombinierenden Intellekt die Ehrfurchtsgrenze gezogen ist, jenseits deren sein Deuten und Deuteln Hybris wird. Denn die Handschrift des formenden Geistes ist nicht darauf aus, von Unberufenen entziffert zu werden, und was in einem Menschengesicht geschrieben steht, kann ebensogut ihn schützen und verbergen sollen, wie ihn preisgeben und verraten. Dennoch umzirken die Grenzen natürlich auch einen Bereich, innerhalb dessen mit gutem Gewissen und einiger Sicherheit in der körperlichen Erscheinung gelesen werden kann, was durch sie und hinter ihr wirkt. Der Seher und Denker Picard lenkt aber auch da die Aufmerksamkeit nicht auf die Symptome des Zufalls. Er lehrt erkennen, welcher Daseinssphäre der jeweilige Mensch – offen oder insgeheim – angehört, welchen Mächten er zugetan ist, wo es mit ihm, bewußt oder unbewußt, hinauswill. In diesem Bezirk verfährt der Erläuterer freilich mit einer Bestimmtheit des Formulierens, die erstaunlich zu der Verantwortlichkeit seiner Vorbehalte kontrastiert. Noch erstaunlicher aber ist, daß diese Bestimmtheit sich als Überzeugung auf den Leser und Betrachter überträgt. Das macht –: man fühlt die Güte und Weisheit des prüfenden Auges, der deutenden Hand, und man hat unmerklich aufgehört, Skepsis zu üben; man hat wieder gelernt, zu vertrauen...

Dies ist in der Tat der sich immer wiederholende Vorgang bei der Versenkung in die Schriften Max Picards. Man erlebt ihn auch bei dem zweiten wiedererschienenen Buch: „Die unerschütterliche Ehe“ (Eugen Rentsch Verlag, Erlenbach-Zürich). Selbstverständlich findet man hier keine Rezepte psychologischer oder gar biologischer Art, wie eine Ehe „unerschütterlich“ zu machen sei. Aber das Mysterium der menschlichen Zweisamkeit (zu der im weiteren Sinne auch die Familie, das Heim, ja, die ganze Lebensform gehört) wird von seinen innersten Gründen her beleuchtet. Es bedarf – das wird hier einmal wieder offenbar – keiner Belehrung über Rechte und Pflichten, keiner Regelung der Gleich- oder Nichtgleichberechtigungsfrage. Alle organisatorischen Bemühungen tun nichts zur Sache und bleiben fruchtlos, wo der Gemeinschaft des Lebens keine innere Wahrheit eignet. Diese aber hat ihre Wurzeln in einer letzten Tiefenschicht, im Metaphysischen. Man kann die „Unerschütterlichkeit“ der Ehe nicht konstruieren, organisieren, auch nicht eigentlich analysieren. Man kann sie nur „sehen“, erkennen, erspüren an untrüglichen Symptomen; an dem lebendigen Bilde einer Harmonie von keineswegs etwa sentimentalem Charakter, sondern von eminenter realer Kraft der Selbstbestätigung. Und abermals nimmt man mit Erstaunen wahr, wie und was man durch den Autor Picard plötzlich sehen lernt; lauter Dinge, auf die man nie geachtet hat, und die sich mit einem Male als die einzigen entscheidenden ausweisen, die einzigen, auf die es ankommt. Wahrscheinlich kommt es überhaupt viel mehr auf dieses Schauen mit gütigen Augen an als auf das mißtrauische oder eroberungssüchtige Spähen, das uns geläufig ist. Denn es wäre begreiflich, wenn die Wahrheit sich eher der Liebe als der Spekulation ergäbe. Abendroth