Bald nach der Rückkehr der chinesischen Delegation vom Moskauer Kongreß der KPSU ordnete Mao Tsetung eine Schulungsaktion größten Stils an. Allen Kader der Partei wurde zur Pflicht gemacht? den Inhalt der Programmrede Malenkows eingehend zu studieren und über das Ergebnis an das Zentralkomitee zu berichten. Auf Grund dieser Berichte arbeitete das Zentralkomitee seinerseits eine Stellungnahme aus, in der besonders auf die Übereinstimmung des Malenkow-Berichtes mit der Botschaft Mao Tsetungs über die Aufgaben Chinas im Jahre 1953 hingewiesen wurde.

Es liegt der Gedanke nahe, daß es Mao Tsetung darauf ankam, Malenkow in China überall bekannt zu machen. Es ist möglich, daß Maos Ministerpräsident und Außenminister Tschu En-lai, der nicht nur die Moskauer Parteihierarchie gut kennt, sondern auch sehr häufig bei Stalin war, im Kreml den Eindruck gewonnen hat, daß Malenkow nach Stalin „der kommende Mann“ sei. Jedenfalls scheint man in Peking die zukünftige Rolle Malenkows akzeptiert und daraufhin unter dem Deckmantel der Schulung jene „Propaganda-Kampagne“ gestartet zu haben. Als die Nachricht vom Tode Stalins in China eintraf, war dort allgemein die Auffassung verbreitet, daß Malenkow sein Nachfolger sein würde. Diese Ansicht wurde dadurch verstärkt, daß das Zentralkomitee der chinesischen KP seine obenerwähnte zustimmende Stellungnahme zu dem Malenkow-Bericht der öffentlichkeit bekanntgab? als aus den ärztlichen Kommuniqués über den Krankheitsverlauf Stalins zu ersehen war, daß täglich mit seinem Ableben gerechnet werden mußte.

Nachdem die chinesische kommunistische Partei auf diese Weise in China den Boden für Malenkow als Nachfolger Stalins vorbereitet hatte, war ersichtlich, daß der Tod Stalins und die Übernahme seiner Nachfolge durch Malenkow zunächst keine negativen Rückwirkungen auf das chinesisch-russische Verhältnis haben würde. In seinem Beileidstelegramm versichert denn auch Mao Tsetung, daß China „definitiv, für immer und mit größter Entschlossenheit“ an der Seite der Sowjetunion stehen werde. Trotzdem scheint man in Moskau nicht ganz unbesorgt zu sein. Jedenfalls würde Tschu Enlai, der die chinesische Delegation bei den Trauerfeierlichkeiten führte, in Moskau vor allem ausländischen Delegationsführern ganz besonders bevorzugt. Er folgte neben Malenkow unmittelbar dem Sarge Stalins. In den Ansprachen Malenkows, Berijas und Molotows, wurde China als einziger befreundeter Staat namentlich genannt und die „unzertrennliche brüderliche Freundschaft und Zusammenarbeit mit dem großen chinesischen Volk“ betont. Ernst Krüger