Von Richard Tüngel

Ich bin in Altona geboren; Altona ist meine Vaterstadt. Als Arbeiterkind bin ich hier groß geworden; durch die Volksschule bin ich gegangen, um selbst Arbeiter zu werden. Die widrigen sozialen Verhältnisse der unteren Volksschichten habe ich am eigenen Leibe kennengelernt. Die Arbeitslosigkeit, Wohnungselend, alles, was die breiten Schichten unserer Bevölkerung bedrückt, ist mir bekannt. Ich habe, wie viele junge Arbeiter, gehungert und gedurstet nach Bildung und Wissen.“ Mit diesen Worten begann Max Brauer die Rede, die er bei seiner Amtseinführung als Oberbürgermeister von Altona am 7. Mai 1924 hielt. Und er versprach, „alle Kraft daranzugeben, die sozialen und wirtschaftlichen Nöte unserer Bevölkerung zu mildern und zu überwinden“, und „jenen, die mit heißer ehnsucht nach Bildung und Wissen drängen, den Weg frei zu machen.“ Als Beamter fühle er sich wie die Weimarer Verfassung vorschrieb, als Diener der Gesamtheit, nicht einer Partei, „ohne darauf zu verzichten, ein politischer Mensch zu sein.“

„Nüchternen Sinnes und heißen Herzens“ heißt die Auswahl seiner Reden aus den Jahren 1946–52, die Freunde im vorigen Jahre zu seinem 65. Geurtstag herausgegeben haben. (Im Verlag Auer-)ruck GmbH., Hamburg.) Der Titel ist gut gewählt. Er könnte als Motto über Brauers Leben stehen, über seiner Tätigkeit als Oberbürgermeister von Altona und über den Jahren, in denen er – ;it 1946 – die Geschicke der Hansestadt Hamburg lenkte, aber auch über der Zeit seines Exils.

Im Jahre 1933 nahmen die Nazis den sozialemokratischen Oberbürgermeister, den sie haßten, weil er sie energisch bekämpfte, in Schutzhaft. Nachdem er entlassen war, gelang es ihm, in die Schweiz zu fliehen. Der Genfer Völkerbund schickte ihn als Kommissar nach China. Er sollte in Gutachten über den Ausbau des Schul- und Eriehungswesens und der Sozialfürsorge erstatten, Mit einer Karawane ritt er nach Si-an, der alten Laiserstadt im Norden, um in den dortigen Hunerdistrikten Geld zu verteilen, das aus einer ameikanischen Spende stammte. Er gründete Kredit- und Produktionsgenossenschaften, die noch befanden, als Mao auch in diesen Provinzen die Herrschaft übernahm. „Einen ganzen Tag könnte ich Ihnen von dort, von diesen prächtigen Menschen erzählen, die so ganz anders sind als wir.“

Von China kehrte er für ein Jahr nach Europa – nach Frankreich – zurück. Dann ging er nach len Vereinigten Staaten. Zuerst studierte, später ehrte er hier an Universitäten und Colleges. Wo er konnte, bekämpfte er den Nationalsozialismus, zugleich aber trat er „heißen Herzens“ für Deutschand ein. Am 3. Februar 1942 hielt er in Orlando (Florida) einen Vortrag, in dem er sagte: „Es würde ein verhängnisvoller Fehler sein, wenn am Tage der deutschen Befreiung die Forderung nach teilweiser Verstümmelung oder gar totaler Vernichtung die Wiedergeburt der deutschen Demokratie verhindern sollte.“ Die Presse griff ihn wegen seiner „Nazipropaganda“ an. Aber er wiederholte den Vortrag am nächsten Tage vor 3000 Studenten und wußte seine Zuhörer so zu packen, daß sie ihm am Schluß begeistert Beifall klatschten. Auch heute denkt er nicht anders als damals. „Ich will das Wort Ostzone nicht hören, so sehr kränkt es mich. Das ist das Herz Deutschlands. Denken Sie nur an Weimar und Jena!“ Er glaubt auch nicht, daß der EVG-Vertrag die Rückkehr der russisch und polnisch besetzten Gebiete und die Wiedervereinigung Deutschlands verhindern könnte. „Die Russen sind über ihre Grenzen gebrandet, so wie das Meer hin und wieder über die Ufer tritt, aber das Wasser fließt wieder zurück, und so werden auch die Russen eines Tages fortziehen. Ich gehöre nicht zu denen, die statisch denken. Daß in Rußland nur noch ein Wachstum der Macht stattfinden wird und sonst nichts, daran glaube ich nicht. Wir müssen unseren Teil dazu beitragen, daß Europa verteidigt wird. Wir können nicht erwarten, daß die Amerikaner uns das alles abnehmen. Es gibt eben etwas, das schlimmer ist als der Krieg: nämlich die Freiheit zu verlieren.“

Allerdings sollten die Verträge geändert und mit Vorbehalten versehen werden. Adenauer sage zwar, die Notstandsklausel des General Vertrages sei notwendig, weil das Grundgesetz keine Notstandsklausel habe. In Wirklichkeit aber, so meint Brauer, sei sie unerträglich. Auch in England und Frankreich ständen amerikanische Truppen, ohne daß es dort eine Notstandsklausel gäbe. Bei einer ernsthaften Gefährdung der Sicherheit werde der Oberbefehlshaber sowieso tun, was er für richtig halte, ohne sich um papierne Verträge zu kümmern. Am liebsten würde Brauer eine Europa-Armee sehen, neben der es noch eine deutsche Miliz nach Schweizer Muster gäbe. Es habe ihn sehr beeindruckt, daß dort ein jeder Bürger seine Flinte im Schrank hat. Unerträglich sei, daß die Deutschen vom obersten Kommando ausgeschlossen sein sollen. Die Teilnahme der Deutschen in diesem Gremium sei so selbstverständlich, daß man mit einer solchen Forderung überall Verständnis finden müsse.

Bürgermeister Brauer spricht mit erfrischendem Freimut: „Dieses falsche Pathos, dieses Auf-Stelzen-Gehen, diese ganze deutsche Geschwollenheit – das ist entsetzlich.“ Daher kommt es mit ihm immer schnell zu einer Klärung der Standpunkte. Über das Wahlgesetz etwa sagt er, ohne näher auf den Entwurf der Bundesregierung einzugehen, der Wähler dürfe nicht der Gefahr ausgesetzt werden, die Prozedur nicht zu verstehen, weil sie zu kompliziert ist. Auch könne man nicht von ihm verlangen, daß er sich schon vor der Wahl auf eine künftige Koalition festlege. Das alte Persönlichkeits- oder Mehrheitswahlrecht mit Stichwahl, wie es im kaiserlichen Deutschland existierte, habe den Vorzug gehabt, daß wirkliche Politiker in den Reichstag gewählt wurden. „Denken Sie nur an August Bebel, was das für ein Kerl war!“ In der Weimarer Republik habe die Parteimaschine infolge des Systems der Listen- oder Verhältniswahl die Oberhand bekommen und die Persönlichkeiten verdrängt. Viele tüchtige Männer hätten sich deshalb verärgert aus der Politik zurückgezogen. Dies habe dazu beigetragen, daß der Weimarer Staat zugrunde ging.