Die Verbesserung der Gold- und Dollarreserven einer wachsenden Anzahl europäischer Länder hat dem Feuer der Konvertibiltät, an dem sich noch vor wenigen Jahren nur unverbesserliche Optimisten die Fingerspitzen wärmen konnten, so viel neue Nahrung zugeführt, daß die Wärme inzwischen auch für solche ausreichte, die bisher aus Gründen der Konvenienz das Zentralheizungssystem nationaler und supranationaler Institutionen vorzogen. Nur die ECE in Genf (Europäischer Wirtschaftsverwaltungsrat der Vereinten Nationen) bildet darin eine Ausnahme. Sie hat unter der Federführung ihres Leiters Prof. Gunnar Myrdal gerade jetzt wieder in dieses so vertrauenerweckend prasselnde Feuer einen Eimer kalten Wassers schütten zu müssen geglaubt, indem sie in ihrem jüngsten 400 Seiten langen Bericht über die wirtschaftliche Entwicklung Europas zu dem für sie nicht neuen Ergebnis kommt, daß die Sturktur der europäischen Zahlungsbilanz von einem Gleichgewicht noch allzu weit entfernt sei, als daß das Abenteuer der Konvertibilität schon gewagt werden dürfe.

Der Bericht sagt, daß die außerordentlichen Schwankungen, denen dieeuropäische Zahlungsbilanz in den letzten drei Jahren ausgesetzt war, die Beurteilung des tatsächlichen Ausmaßes des Dollarproblems sehr schwierig mache. Er begründet diese Auffassung damit, daß einmal – in 1950 – die Anreicherung der Währungsreserven infolge spekulativer Rohstoffkäufe der USA mit entsprechender Erhöhung des Dollarangebots, dann wieder – in 1951 – die Lockerungen der Importrestriktionen und die Erhöhung der Importpreise mit der entsprechend negativen Wirkung auf die Zahlungsbilanz zu einem Auf und Ab in Sachen Konvertibilität geführt hätten. Als dann – in 1952 – die Handelsbilanzen sich wieder verbesserten, sei man wiederum zu diesem Problem zurückgekehrt, obwohl für die Verbesserung nur die Importrestriktionen verantwortlich gewesen seien. Der Bericht befaßt sich allerdings nicht mit dem Problem, inwieweit die wechselnde Nachfrage, die ja nicht zuletzt von dem jeweils als Kaufkraft vorhandenen Geldvolumen abhängt, dabei eine Rolle gespielt hat.

Was also für die nicht mit den Scheuklappen steriler Dogmen behafteten Wirtschaftsexperten der übrigen Welt die allmähliche Durchsetzung wiederentdeckter ökonomischer Wahrheiten ist – daß nämlich kein Land; über seine Verhältnisse leben kann, es sei denn, ein großzügiger Onkel trage die Kosten –, sind für die ECE nur „hektische Schwankungen“, die für eine entsprechende Ausrichtung der Währungspolitik nicht richtungweisend sein dürfen. Zwar habe sich die europäische Industrieproduktion überraschend schnell von den Kriegsfolgen erholt und auch der inflationäre Druck sei in den meisten Ländern größtenteils beseitigt worden, aber diese rasche interne Erholung habe nicht zu einer entsprechend waschen Erholung der Außenwirtschaft geführt.

Begründet wird diese Behauptung damit, daß die Produktion von sog. dollarsparenden Gütern in Asien, Ozeanien und Lateinamerika weit hinter den Plänen und Erwartungen zurückgeblieben sei, so daß Europa nach wie vor wichtige Produkte aus dem Dollarraum beziehen müsse, ohne gleichzeitig die erforderlichen Dollars selbst verdienen zu können. Man kann dem Bericht durchaus zustimmen, wenn, er die Schuld dafür der Wirtschaftspolitik der betreffenden Länder zumißt, etwa überspannten – Industrialisierungsplänen oder der Praxis Australiens und Argentiniens, ihren landwirtschaftlichen Produzenten einen Teil der auf dem Weltmarkt erzielten Erlöse vorzubehalten, um mit diesem „Gewinn“ solche Plane zu „finanzieren“. Man vermißt jedoch, daß gerade diese Erfahrungen die ECE nicht dazu gebracht haben, einmal die Frage zu untersuchen, inwieweit solche Pläne eben nur auf der Basis einer internen Inflation beruhen können.

Die ECE nimmt diesen Zustand anscheinend als gegeben hin, um daraus zu folgern, daß die geographische Verteilung der europäischen Importe seit Kriegsende unverändert geblieben sei und die momentanen Goldgewinne nur in zwei Faktoren ihre Ursache hätten, nämlich der Verschärfung der Importrestriktionen gegenüber, dem Dollarraum und den hohen amerikanischen Off-shore-Käufen in Europa. Würde man über ein Konvertibilitätsexperiment die Importrestriktionen lockern und würden – was angeblich zu erwarten sei – die Off-shore-Käufe nachlassen, so verbliebe wiederum die Dollarlücke von jährlich 2 bis 2,5 Mrd. $‚ die nur zu schließen sei, wenn Europa mehr Dollar verdiene oder weniger Dollar ausgebe... Damit ist man wieder bei der bereits bekannten Myrdalschen Einbahnstraße angekommen, wonach eine Erhöhung der Dollarverdienste an der protektionistischen USA-Politik und vermehrte Exporte nach Drittmärkten, auf denen Dollars verdient werden können, an der größeren Konkurrenzfähigkeit der USA scheitern müßten, so daß nur die Möglichkeit der Dollarimportrestriktionen übrigbleibt – damit also der Verzicht auf den Multilateralismus.

Diese Diagnose, die mit einer Fülle von Zahlen belegt wird, unterscheidet sich von denen früherer Jahre durch nichts als ihren Umfang. Sie verschweigt wesentliche Tatbestände, wie die Notwendigkeit eines internen finanziellen Gleichgewichts und die Erfolge, die mit der Anerkennung dieser Notwendigkeit in vielen Ländern erreicht wurden. Sie sagt nichts über die Kürzung der Staatshaushalte, über den möglichen Ausgleich durch freie Warenmärkte, über den Aufbau eines internationalen Kreditsystems und treibt eine Vogel-Strauß-Politik, bei der man sich mit Recht zu fragen beginnt, ob die von der UNO aufgewandten Kosten noch in einem tragbaren Verhältnis zum Ergebnis stehen.

Myrdal weiß – wie in früheren Jahren – nichts anderes vorzuschlagen als ein „integriertes und konsequentes Programm zur Überwindung der Dollarlücke“, ohne allerdings zu sagen, was er sich darunter vorstellt. Nach all den Enttäuschungen mit den vielen „Plänen“ und „Programmen“ hatte es doch nahegelegen, sich an das zu halten, was mit unbestreitbarem Erfolg in einigen Ländern bereits praktisch geschehen ist. Aber das wäre ein Eingeständnis früherer Fehldiagnosen, wozu man in Genf leider nicht den Mut findet. R. E. L.