Von Oberfranken, so erklärte kürzlich der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer dieses Gebietes, Dr. Heinz Starke, kenne man in Bonn nur den Bamberger Reiter, den heiligen Veit von Staffelstein und die Bayreuther Festspiele. Wenige Wochen nach dieser Erklärung erschien Bundeswirtschaftsminister Prof. Erhard, um festzustellen, daß für Oberfranken etwas getan werden soll. Insbesondere wies er darauf hin, daß die Abwanderung von Industriebetrieben aus diesem Raum aufhören müsse.

Die Tatsachen, die den Bundeswirtschaftsminister zu diesem überraschenden Eingreifen veranlaßt haben, lassen sich etwa folgendermaßen beschreiben: Oberfranken, bis 1945 Teil des mitteldeutschen Industrieraumes, des größten europäischen Wirtschaftszentrums neben dem Ruhrgebiet, hat durch die Errichtung des Eisernen Vorhangs seine alten wirtschaftlichen Verbindungen verloren. Seine Industrie aber, zu 80 v. H. Konsumgüterindustrie mit Textil und Porzellan an der Spitze, ist nicht nur geblieben, sondern hat durch den Aufbau von Flüchtlingsbetrieben und die Zuwanderung von Unternehmungen aus der Sowjetzone, die hier schon früher Zweigbetriebe unterhielten, die Zahl der in ihr Beschäftigten von 90 000 in den Jahren 1936 bzw. 1948 auf 145 000 in 1951 erhöht. Das ist ein Zuwachs um 61 v. H. Damit steht Oberfranken hinsichtlich seiner Industriedichte mit 13,2 Beschäftigten in der Industrie je 100 Einwohner an dritter Stelle im Bundesgebiet hinter Nordrhein-Westfalen und dem Südweststaat; Oberfranken steht aber auch über dem Bundesdurchschnitt von 11,12 und weit über dem bayerischen Durchschnitt von 8,7 v. H.

Die oberfränkische Industrie, gekennzeichnet durch das Fehlen eines großstädtischen Zentrums und durch die Streuung der Betriebe bis ins letzte Dorf, hat bis 1945 zwischen 50 und 80 v. H., die oberfränkischen Grenzlandbrauereien sogar 95 v.H., ihrer Produktion in Mitteldeutschland, Berlin und Ostdeutschland abgesetzt. Der Warenhunger nach der Währungsreform hat ihr neue Absatzgebiete im Westen eröffnet. Aber schon bei der leichten Konsumgüterflaute im Frühjahr 1950 und in verstärktem Maße seit dem Sommer 1952 wurde der Unterschied der Wettbewerbsbedingungen Oberfrankens gegenüber westlicher gelegenen Gebieten spürbar, der sich aus der erhöhten Frachtbelastung für Rohstoffe, Kohle und Fertigwaren, dem Fehlen einer leistungsfähigen Ost-West-Verbindung und dem durch die Grenzziehung des Eisernen Vorhangs bewirkten Leerlauf der früher bestehenden Nord-Süd-Verbindung ergibt. Die alten Standortvorteile, denen die Industrie ihre Entstehung verdankt, insbesondere die frachtgünstigen Kohlenlager in Mitteldeutschland und in Böhmen, sind entweder verlorengegangen oder von unberechenbaren politischen Faktoren abhängig geworden. Dazu kommt der deutsche Strompreiswirrwarr, der erst kürzlich dazu geführt hat, daß eine bayerische Mälzerei ein Zweigwerk, bei Hamburg eröffnete, weil in Schleswig-Holstein der Strompreis nur 1/3 des bayerischen beträgt. Die Zweigwerke oberfränkischer Unternehmen in Baden und in der Pfalz bezahlen Strompreise, die zwischen 10 und 30 v. H. niedriger liegen als in Bayern.

In wachsendem Umfang macht sich ein Prozeß bemerkbar, den der Genfer Nationalökonom Professor Wilhelm Röpke als den Beginn einer „sozialen Erosion“ bezeichnet hat: Oberfränkische Stammwerke, beispielsweise der Textil-, Porzellan- oder Glasindustrie, errichten Zweigbetriebe im Westen. Wenn sie bei Anhalten der ungünstigen Kostenlage in Oberfranken ihr Schwergewicht von dem oberfränkischen Zentrum auf die weiter westlich gelegene Filiale verlagern, so ergeben sich daraus für die verbleibende Industrie und ihre Arbeiterschaft unübersehbare Folgen. Die oberfränkische Textilveredlungsindustrie z. B., die in diesem Raum seit Jahrhunderten zu Hause ist, spürt, da die Fracht- und Kohlenkosten ihrem Absatz enge Grenzen setzen, schon jetzt jeden abgewanderten Textilbetrieb in ihren jährlichen Bilanzen. 1952 hat diese Entwicklung zum ersten Male einen eindrucksvollen Niederschlag gefunden. Während die Industrieumsätze im Bund sich gegenüber 1951 um 8 v. H. und im übrigen Bayern um 6,5 v. H. erhöht haben, sind sie in Oberfranken um 10 v. H. abgesunken.

Die Handelskammer von Oberfranken hat in den letzten Monaten Journalisten und Beamten der Bonner Ministerien Gelegenheit gegeben, die wirtschaftliche Lage an Ort und Stelle kennenzulernen. Das Echo dieser Studienreisen war sehr lebhaft. Das hat seinen Grund vor allem darin, daß die Besucher hier entgegen der landläufigen Vorstellung nicht etwa Notstandsgebiete kennenlernten, die um Subventionen betteln, sondern eine lebens- und leistungsfähige Industrie, deren Arbeitsplätze durch politisch bedingte Kostennachteile gefährdet werden. Sondertarife für westdeutsche Kohle, großzügigere Kreditpolitik, vor allem aber Werbung um das Verständnis der Zentrale für die wirtschaftspolitisch neuartige Aufgabe einer Festigung des Gebietes an der Zonengrenze sind die vordringlichsten Ziele, um deren Erreichung die oberfränkische Wirtschaft sich derzeit bemüht. Ludwig Alwens