Nachts macht in St. Pauli sogar die Polizei das grelle Geschrei der Lichtschilder mit und setzt uns vermittels einer Schrift aus veronikablauen Neonröhren aufs laufende, wo sie zu finden sei. Dies geschieht auf der in allen Weltteilen bekannten „Davidswache“, Ecke Reeperbahn und Davidstraße; es geschieht in St. Pauli, dem Stadtteil, von dem man gern glaubt, seine Existenz vollziehe sich außerhalb von Ordnung, Sitte und Sicherheit.

Gewiß, in einer der „Genickschuß-Bars“ hinter der Davidswache, etwa in der Silbersackstraße, kann es einem geschehen, daß der verwegen aussehende Kellner das Bier hinstellt, es sich bezahlen läßt und es mit den Worten selber trinkt: „Da staunste, du Schietbüddel!?“ Aber es kann einem nicht geschehen, daß man in den Hinterhof gedrängt und abgetan wird. Die Statistik der „Davidswache“ beweist es.

Gerade die Einheimischen machen gerne gruseln mit St. Pauli, nennen es Lasterpfuhl und Sündenbabel mit seinen Nackttänzerinnen-Lokalen, von denen es heißt, daß hier die Sumpfblumen des Lasters wie Zaubergras wachsen. Oh, dies St. Pauli! Mit den Trattorias, in denen die Matrosen aus Genua den Dolch so locker im Ärmel sitzen hätten wie die Helden auf der Hollywood-Leinwand die Kugel im Colt; mit den ungarischen Kellern, in denen das Gelärm der Geigen so heiß in den Ohren brenne wie der Paprika des Goulasch in der Kehle; mit den Negerlokalen, in denen Gott weiß was an Exotismus getrieben werde; mit den Chinesenbeizen, die hinten herum Spiel- und Opiumhöhlen seien ... Meinetwegen, ich will diese Kreise nicht stören, die so nahrhaft die Phantasie speisen. Und schließlich –: Wenn wir in diesen Lokalen ein paar Stunden sitzen und wir haben Glück, so ist es fast, als seien wir wirklich zwischen allen Untiefen und allen Höhen des Leichtlebens auf einer Reise in fremden Ländern und Weltteilen. Aber dies Glück haben wir, wenn gerade Schiffe dieser Länder im Hafen liegen, die ihre Mannschaft über Fähre 7 den „Montpaul“ haben besteigen lassen.

Dann kann man wirklich erleben, wie etwa in der Barbara-Bar zwischen Schilfwänden und exotischen Rudern und Netzen, Flaschen und Behängen sich Portugals bebärtete Fahrensleute vorführen. In der Italia meint man in das Liebesnest eines Dorfes bei Neapel geraten zu sein. Bei Herrn Tschou ans Shanghai hört man chinesische Schallplatten und sieht kleine Chinamänner europäisch dazu tanzen. Und die Tänzerinnen, Produkt St. Paulis, herrschen dort, wenn etwas nicht paßt, ihren Exoten mit einem: „Tschou – Mensch!“ an. An den Tischen gabeln andere mit den Stäbchen sich heimatliche Teigwaren in den Mund oder Reis mit Hammelfleisch und Lidses. Hinter der Theke steht ein wildes Mädchen aus der Gegend von Kanton auf Füßen, die so klein sind, daß man erst meint, sie habe wirklich noch die „goldenen Lilien“, jene Fußverkrüppelung, die das demokratisierte Reich der Mitte abschaffte, jene nach altem Ritus abgebundenen Füßchen, auf denen die Frauen nur humpeln können. Aber da fällt mir ein, daß man in italienischen Museen überspannhohe Stöckelschuhe aus vergangenen Jahrhunderten sehen kann, die dasselbe Ziel hatten. Pardon, was sollen diese Erinnerungen! Aber man kommt ins Träumen in St. Pauli...

Eine Reise durch St. Pauli braucht noch nicht teuer zu sein, wenn man sie nicht teuer machen will. Früher trank man Bier, wenn man ein Mensch war, eigentlich nur im Zillertal. War man ein Pferd, im Hippodrom. Bei den Pferden ist es so geblieben. Für die Menschen aber ist das Bier inzwischen das Universalgetränk St. Paulis geworden.

Aber man muß vom Hauptstrang abgehen, sich in die düsteren Gassenwirrsale wagen, wo dunkle Lücken zwischen den Lichtschildern das Herz klopfen machen. Dort wird man auch – wobei die Tugendhaften sich auf ihr Interesse an sittengeschichtlichen Zuständen berufen mögen – eine Einrichtung besichtigen können, durch die Hamburg seine Bewohner moralisch abschirmt: Die Straßen der käuflichen Liebe nämlich sind beiderseits durch Bretterwände mit engen Durchlässen von der tugendhaften Umwelt abgeschlossen. Da fällt mir ein, daß bis zur Biedermeierzeit alle Schaufenster der Ladengeschäfte große Fensterkästen waren, eine Kleinigkeit zur Straße vorgebaut. Heute sind es bekanntlich glatt in die Hauswände eingepaßte Scheiben aus Spiegelglas und in einem Stück. Nun. in den verschwiegenen Gassen Hamburgs haben sich jene altertümlichen Kästen erhalten, doch nicht mehr zur Schaustellung von Spezereien oder Hutartikeln, sondern von Menschenware. Die lockenden Circen stellen sich hier in verglasten Schaukästen aus, ein Panoptikum, das die Seele mit Niedergeschlagenheit belastet.

Und da wir schon hinter die Bretterwände der Moral geraten sind: Es gibt auch Anstalten, in einen eine elegante Dame die Wünsche bezüglich des Getränkes in einem beachtlichen Baß erbittet und mit armbandklirrendem muskulösem Arm den Whisky-Soda hinstellt. Ein anderes Geschöpf aus diesem Zwischenreich wurde aus Paris bezogen, kostümiert sich wie bei Dior und singt Chansons wie im Moulin de la Galette. Der Onkel vom Lande staunet sehr, die Tante blicket verständnislos vorbei.