Der Harvestehuder Weg, der das westliche Ufer der Außenalster lang läuft, wurde einst die „Straße der Millionäre“ genannt. Die Villen dort zeigten sich in der Tat nach Millionärs Launen gebaut, und ihre Besitzer konnten einst von ihren Terrassen über eigenes Gelände bis ans Ufer gehn. Immerhin wurde zum Wohl des Volkes der Harvestehuder Weg durch die Gärten geführt. Vielleicht war es immer schon ein Vorrecht des Volkes, hier durchzugehen. Das Wort „Weg“ statt „Straße“ deutet darauf hin. Übrigens sind die Millionäre samt ihren Millionen längst vom Winde verweht.

Ich nehme an, daß die Verwahrlosung der Gärten mit dem letzten Krieg begann. Stellenweise waren sie noch vor einem Jahr struppige, ruppige Dornröschen-Dickichte, ohne Dornröschen, die Zugang und Blick zur Alster verhinderten und nicht einmal Liebespärchen dienten. Doch nun geht das Gelände als kokette Anlage gefallsüchtig in den beginnenden Frühling des Jahres 1953. Die Kunst der Gärtner hat wohlige Rasenflächen zwischen Straße und Wasser gelegt. Weiden rieseln, Pappeln stemmen sich himmelan, in den Ulmen hocken die Amseln mit ihren verliebten Schlagern. Alter Baumbestand steht in Gruppen, und man denkt an ihren Schatten im Sommer.

So laufen diese neuen Anlagen, hold und anmutig in ihrer Jugend und dem noch zarten Vorfrühling, mit dem Menschen, der die Stadt verläßt –: ein sachtes und naturgebundenes Hinübergeleite zu den Vororten der großen Stadt... und so empfangen sie auch den, der von außen in die Stadt hineinstrebt, und trösten ihn, bevor er in den Steinwällen verschwindet.

Erst geben sie noch den Blick auf die neue Lombardsbrücke frei, die neben ihre ältere Schwester gelegt wurde, um zu helfen, den Ost-West-Verkehr zu bewältigen. Und beiderseits schwingen sich die Straßen auf den Brückendamm wie in Arabesken einer kurvenden Musik.