Dreidimensionale deutsche Farbfilme werden heute bei der Eröffnung der Internationalen Automobilausstellung 1953 in Frankfurt in einem eigenen Kino des Volkswagenwerkes uraufgeführt. Die Werbefilme „Plastische Vorstellung“, „Der Wagen und sein Werk“ und Weißer Traum“ wurden im Auftrage des Werkes von der Boehner-Film, Hamburg, nach dem Raumfilm-Verfahren Zeiss Ikon gedreht, das dem amerikanischen Natural Vision und dem englischen Tri-Opticon entspricht. Jeder Kinobesucher wird für diese Filme mit einer Brille ausgerüstet, die mit VW-Aufdrucken auf dem Papprahmen auch zugleich „Werbeträger“ ist, wie es in der Fachsprache heißt...

Nur selten trifft man jemand, der schon im Jahre 1937 die Uraufführung des ersten Raumfilmes in Berlin miterlebt hat. In späteren Jahren fanden öffentliche Aufführungen nicht mehr statt, aber das System wurde für Lehrfilme der Wehrmacht angewandt, und Rekruten übten so auf dreidimensionale Weise Geländeerkundung und Entfernungschätzen.

Inzwischen hatte Zeiss Ikon im Vorsprung gegen das Ausland ein Prinzip entwickelt, daß die beiden erforderlichen Bilder für jedes Auge des Zuschauers auf nur ein Filmband aufnimmt und also auch nur eine gewöhnliche Projektionsmaschine mit einem speziellen Stereo-Objektiv braucht, um die Bilder auf die Leinwand zu werfen. Der Zuschauer selbst muß dann nur noch mit einer Polarisationsbrille die „Lichtweichen“ stellen – so genannt nach dem Prinzip der Weichen bei der Eisenbahn –, daß die Bilder richtig ankommen und in seinem Kopf die Illusion der dritten Dimension erzeugen. – Seit Jahrzehnten bemüht man sich aber auch schon darum, die Polarisation im Kinoraum selbst durchzuführen, und das einzige in Moskau bestehende, mit großen Kosten erbaute Raumfilmtheater erspart dem Zuschauer das Aufsetzen einer Brille.

Erfinder und Technik also haben wieder Neuland erobert. Schon wird angedeutet, daß bald auch das plastische Fernsehen kommt, worüber die schwerringende Filmkonkurrenz in USA, die gerade für sich aus der Raumfilmsensation neue Hoffnung schöpfte, nicht sonderlich glücklich ist. Die Volkswagenfilme werden in Frankfurt sicherlich ein großes Publikum haben, das das „Nochnie-Dagewesene“ sehen will. Diese Filme sind auch nicht nur farbig sehr nuanciert und leuchtend und besonders schön (obwohl sie das gleiche altbekannte Verfahren anwenden wie die bisherigen Farbfilme), sie werden auch von besonderer Werbekraft sein, weil sie durch ihre Gags im Gedächtnis bleiben werden: der fahrende Volkswagen, der aus dem Bilderrahmen heraus auf uns zurollt, so überraschend nahe, daß ängstliche Zuschauer sich ducken; Schneebälle, die uns an den Kopf fliegen; die riesige Hand, die uns packen will... Aber diese Übergriffe auf den Zuschauer, die ihm die Möglichkeiten der neuen Filmart beweisen sollen, sind nicht gerade beglückend, und so möchte man flehen, daß auf die dritte Dimension gleich die vierte folgen möge, die der geistigen Durchdringung. Die Szenerien müssen sich verändern, Großaufnahmen fortfallen, Schnitte seltener werden, und der Vordergrund wird eine ganz neue wichtige Rolle spielen. Drehbuchautoren und Dramaturgen, die räumlich denken und sehen können, Raumfilmregisseure und Raumfilmschauspieler stehen vor neuen Aufgaben. EM