Viele sind schnell mit dem Vorwurf bei der Hand, ein Roman sei „von gestern“, weil er nicht die besonderen Probleme von heute behandelt. Aber es gibt Fragen, die schon vorgestern und gestern dringlich waren und es hoffentlich auch morgen und übermorgen noch sein werden; denn wo sie nicht dringlich sind, im Sowjetstaat etwa, hat der Mensch sein Gesicht verloren. Wie findet ein junges Mädchen in der nach männlichen Vorstellungen eingerichteten Ordnung seinen Platz in der Welt, wie findet es seine Welt? Allgemeine Regeln lassen sich dafür nicht aufstellen. Jeder Fall liegt anders. Daher wohl das ständige Bedürfnis nach Romanen, in denen erfahrene Autorinnen weibliche Hauptgestalten so zeichnen, daß die suchende Leserin ohne allzu schwierige Umschaltung ihre Probleme darin wiedererkennen kann. Es wäre ungerecht, solche Romane nur an literarischen Maßstäben zu messen. Sie haben eine Lebensfunktion. Das gilt zum Beispiel von den folgenden:

Elisabeth Barbier: Verzaubert. Roman (Aus dem Französischen von Lotte von Schaukal, Rohrer Verlag, Wien-Innsbruck-Wiesbaden, 607 S., Leinen 13,80 DM).

Die bedingungslose Liebe, mit der Ludivine den Gatten umgibt, verzehrt sich an ihrem eigenen Übermaß. Schon sehr bald erkennt die Leserin, wie nötig es ist, dem Gefühl Grenzen zu ziehen. Eine ganz unmerkliche Lehre, die aus dem mit großer Kunst ausgeführten Familienroman der Leute von Mogador (Les Gens de Mogador ist der französische Titel) hervorgeht.

Hier gibt die Jahrhundertwende die Folie für ein Frauenleben. Eine Generation später sind es die gleichen Sorgen, vermehrt durch die wirtschaftliche Unsicherheit:

Barbara Seidel: Die ungeduldigen Jahre. Roman (Origo Verlag, Zürich, 334 S., Leinen 14,80 DM).

Das Mädchen Ruth, sportbegeistert, eigenwillig, scheu, erlebt in den Jahren zwischen den Kriegen alle Neugier des jungen weiblichen Wesens, das die Welt in sich aufnehmen und sich doch nicht an sie verlieren möchte – eine Aufgabe, die den Frauen nun einmal schwerer zu lösen fällt als den Männern.

In Ruth werden viele ihr Spiegelbild erkennen können, sie ist keine Idealfigur wie die Hauptgestalt des dritten unserer Romane: