Oft geht inner- und außerhalb Hamburgs die Rede von den alten aristokratischen Bürgersippen oder den bürgerlichen Aristokratenfamilien der Hansestadt. Ascan Klee Gobert, der Schriftsteller und Senator a. D., gehört zu ihnen. Er kann Auskunft geben ...

Vor zwei, drei Jahren sandte mir eine süddeutsche illustrierte Zeitung einen Reporter mit der Bitte, ihm hanseatisches Familienleben zu vermitteln. Der junge Mann synchronisierte sehr einfach Zeit, Raum und Personen verschiedener Epochen und wünschte sich, kleinkamerabewaffnet, den Großvater Amsinck oder Nottebohm im Bratenrock seinen zwanzig Kindern und Schwiegerkindern und vierzig Enkeln eine englisch gebratene Hammelkeule tranchieren zu sehen, worauf er bei einer „Upman“ die Kurse der Kaffeebörse am Sandthorquai oder fallende La-Plata-Raten erörterte.

Dies wäre vor und sogar noch nach dem ersten Kriege in mancher Familie möglich gewesen. Wir waren sonntags zum „Familientag“ niemals unter zwanzig Gästen am Tisch. Bis 1910 etwa versammelte mein Großonkel Crasemann, der langjährige Präses der Hamburger Handelskammer, am Neujahrstag annähernd hundert Abkömmlinge seiner sämtlichen Geschwister in seinem Hause, eine Menge, zu deren Verpflegungen bei Hochzeiten eigenes Service und Silber bereitlag. Und so war es in vielen Häusern.

Seitdem die Freie und Hansestadt Hamburg die größte Stadt der Bundesrepublik und damit des freien Deutschlands geworden ist, hat sie eine ungewöhnliche Anziehungskraft bekommen. Das Tor zur Welt lockt wieder, Wolkenkratzer, geflissentlich „Hochhäuser“ genannt, imponieren, und nun glaubt man, irgendwo um die Alster läge immer noch eine Art Naturschutzpark, in dem sich schwarzseidenes Hanseatenleben im Stile der Buddenbrooks marionettenhaft abspielte. Natürlich gibt es noch viele der Althamburger Namen, und gerade in letzter Zeit konnten manche Firmenjubiläen zwischen 75 und 150 Jahren begangen werden unter Mitwirkung der Namensträger ihrer Gründer oder wenigstens ihrer Abkömmlinge. Und sicherlich wird auch noch manche Hochzeit gefeiert, bei der sich Träger jener Namen versammeln, die einstmals Hamburg und damit Deutschland in der Welt bekannt gemacht haben. Petersen, Godefroy, Siemsen, Mutzenbecher, Wesselhoeft, Sloman; unser Reporter kann sie, wenn er Glück hat, auf Schritt und Tritt treffen.

Aber etwas ist anders geworden, als man es sich oft noch im Binnenland vorstellt. Es ist nicht eine Gesellschaft mehr, und wenn ein Clan sich zu irgendeiner Gelegenheit versammelt, so findet man die verschiedensten Berufe innerhalb und außerhalb der Stadt vertreten, und die „Geborenen“ sind längst der Überzahl der „Gewissen“ gewichen. Von den zehn Geschwistern meiner Eltern heirateten neun in andere bekannte Hamburger Familien hinein, von den Kindern, die bereits den ersten Weltkrieg mitmachten, gerade noch ein Viertel, während die Mehrzahl in Hamburg „eingewanderte“ Eheliebsten erkor; in der nächsten Generation aber gibt es bei zehn Ehepaaren bereits nur eins, welches beiderseitig in Hamburg geboren ist.

Man übersieht zu leicht, daß Hamburg im Gegensatz zu Bremen und Lübeck bereits vor der Jahrhundertwende zur Welt- und Millionenstadt aufrückte und somit die Grundfläche der Pyramide viel zu groß wurde, um ein städtisches Patriziat und in den kapitalistisch einflußreichen Schichten eine Gesellschaft als Spitze tragen zu können. Schon die Industrie und Verwaltung, um die sich leider nur Außenseiter der alten Handelssippen auch während der zweimaligen Blockade von Schiffahrt und Überseehandel kümmerten, brachten mit ihrer ganz anders gearteten Auswahl der leitenden Köpfe das ganze Deutschland in die Hansestadt und sprengten ihre Cliquenbildung.

In übertragenem Sinne erging es Hamburg wie in einem Fischerdorf, welches als Seebad entdeckt ward und nun ganz natürlich den jüngeren Generationen andere Erwerbsmöglichkeiten und Heiratschancen bietet, zumal wenn der Fischfang beginnt, in den alten Formen nicht mehr alle ernähren zu können. Zur Zeit der Großväter gab es keine freie Berufswahl, sondern einen vorgeschriebenen Lebensweg, den nach zwei verlorenen Kriegen niemand mehr zu weisen vermag. Auch hatte sich das viel mißbrauchte und mißverstandene Wort vom „königlichen Kaufmann“ niemals nach einem fürstlichen Auftreten und Erbe verstanden, sondern nach der souveränen, nicht auf Aktienpakete aufgebauten Handhabung der eigenen Fortune de mer, der Schiffe, Ladungen, Speicher und Plantagen rings um die Welt, die zweimal zerschlagen wurden. Und wenn, um im Bilde zu bleiben, das Boot die Fischerfamilie vom Großvater bis zum Enkel nicht, wie von Gott gewollt, „und unseren lieben Nachbar auch“ ernährt, ja wenn das Boot zusammengelegt, die Hütte verkleinert, das Besteck versilbert wird, dann wird manche Familientradition schon durch Auseinanderlaufen aufgegeben werden müssen, ohne daß, wie bei den „Buddenbrooks“, ein „Verfall“ der Familie einzutreten braucht.

Damit sind wir am Schluß der kleinen Betrachtung noch bei einer Pointe angekommen, welche sie bestätigt. Obwohl es eine ganze Reihe, sogar umfangreicher Hamburger Familienromane gibt, sind die Hamburger „Buddenbrooks“ niemals geschrieben worden, und zwar nicht nur, weil sich der Thomas Mann dafür nicht fand, sondern weil das spezifische Gewicht der althamburgischen Patrizierfamilie zu leicht gewesen wäre, um das Gewicht der Weltstadt, nicht nur der Hafenstadt, zu reproduzieren. Wer die Hamburger Familie der großen Friedensepoche studieren will, dem stehen zwei sehr extreme, aber nicht widersetzliche Quellen zur Verfügung: die naiven Kindergeschichten der Familie Meiler („Karl und Marie“, „Roland und Elisabeth“ und so weiter) der Elise Averdieck und die wissenschaftlichen Studien des Senatorensohns Professor Percy Schramm, welcher über seinem historischen Aufriß „Hamburg, Deutschland und die Welt“ die vielen liebenswerten Histörchen der Rupertis, Mercks und Hudtwalkers in ihrer großen Zeit des Merkantilismus nicht vergessen hat...