Selbst vielen Hamburgern ist es nicht bekannt, daß ihre Stadt die größte deutsche Versicherungsstadt ist, nachdem sie vor dem zweiten Weltkrieg noch an zweiter Stelle hinter Berlin gestanden hatte. Leider wurde aber das Bundesaufsichtsamt für das Versicherungs- und Bausparwesen, obwohl Hamburg mit dem 1946 gegründeten Zonenamt des Reichsaufsichtsamts für das Versicherungswesen dafür die besten Voraussetzungen bot, durch das Gesetz vom 31. 7. 1951 in Berlin errichtet. Dem Bundestag erschien die sonst so stiefmütterlich von ihm behandelte Privatversicherung offenbar als das bequemste Mittel, den an sich durchaus berechtigten Berliner Forderungen nach Bundesbehörden zu entsprechen. Infolge der Neuordnung der Versicherungsaufsicht wurde auch die bisherige Landesaufsicht beendet, die in ihrem Ursprung auf 1812 zurückgeht und der nach der Errichtung des Reichsaufsichtsamts für Privatversicherung 1901 alle Versicherungsunternehmungen, deren Geschäftsgebiet sich auf das Hamburger Staatsgebiet beschränkt, unterstanden. Das Bundesaufsichtsamt beaufsichtigt aber auch diese Versicherungsunternehmungen. Es kann allerdings die Aufsicht über private Versicherungsunternehmungen „von geringerer wirtschaftlicher Bedeutung“ und über öffentlich – rechtliche Wettbewerbs – Versicherungsunternehmungen auf die zuständigen Landesbehörden mit Zustimmung der Landesregierungen übertragen. Hamburg hat diese Zustimmung nicht gegeben. Es beaufsichtigt infolgedessen nur noch die Hamburger Feuerkasse, die eine Monopolanstalt ist, während die Hamburger Mobiliar-Feuerkasse als Wettbewerbsanstalt schon unter Bundesaufsicht steht. Es ist aber zu hoffen, daß der Senat im Interesse der Einheitlichkeit der Versicherungsaufsicht auch die Beaufsichtigung der Hamburger Feuerkasse durch das Bundesaufsichtsamt gemäß den im Gesetz gegebenen Möglichkeiten beantragt.

Die Hamburger Feuerkasse konnte 1951 das seltene Jubiläum ihres 275jährigen Bestehens begehen. Diese älteste Gebäudefeuerversicherungseinrichtung der ganzen Welt ist sogar der direkte Rechtsnachfolger der sogenannten Hamburger Feuerkontrakte, deren ältester bekannter aus 1591 stammt, so daß die Versicherungswissenschaft schon dieses Jahr als die Geburtsstunde des modernen Feuerversicherungsrechts betrachtet. Während die Feuerversicherung eine ureigene Hamburger Schöpfung ist, ist das interessanterweise nicht die Seeversicherung. Sie ist von den infolge des Niederländisch-Spanischen Krieges ausgewanderten Flüchtlingen ins protestantische Hamburg gebracht worden. Die älteste noch bestehende Seeversicherungsgesellschaft ist die 1857 von Johann Wilhelm Duncker gegründete Nord – Deutsche Versicherungs – Gesell-

schaft, deren Vorläufer die von Dunckers Vater gegründete „Versicherungs-Gesellschaft von 1804“ war und die heute neben der Transportversicherung zahlreiche andere Sachversicherungszweige betreibt. Die größte Hamburger Sachversicherungsgesellschaft ist die auf 1897 zurückgehende „Albingia“ Versicherungs-Aktiengesellschaft.

Hamburg besitzt mit der „Hamburgischen Allgemeinen Versorgungs-Anstalt von 1778 a.G.“, die 1945 unter dem Namen „Hansa Lebensversicherung a. G.“ eine Interessengemeinschaft mit der Hamburg-Mannheimer Versicherungs-Aktien-Gesellschaft in Hamburg – einer der großen deutschen Lebensversicherungsgesellschaften – einging, die älteste auf versicherungsmathematischer Grundlage aufgebaute Lebensversicherungsunternehmung Deutschlands, ja vielleicht des Kontinents. Sie kann mit ihrer besonderen „Ersparungsklasse“ auch als die erste Sparkasse im heutigen Sinn betrachtet werden. Die größte hamburgische Lebensversicherungsgesellschaft ist die auf 1912 zurückgehende „Alte Volksfürsorge“, Gewerkschaftlich-Genossenschaftliche Lebensversicherungsaktiengesellschaft, die auch die größte deutsche Kleinlebensversicherungsunternehmung und die zweitgrößte deutsche Lebensversicherungsgesellschaft ist. Die zweitgrößte hamburgische Lebensversicherungsgesellschaft ist nach der Vereinigung mit der Iduna-Germania-Lebens-Versicherungsgesellschaft auf Gegenseitigkeit die Vereinigte Lebensversicherungsanstalt a. G. für Handwerk, Handel und Gewerbe (VELA), die der größte deutsche Lebensversicherungsverein ist. Durch die Fusion unberührt blieb die große Sachversicherungsgesellschaft Iduna-Germania Allgemeine Versicherungs-Aktiengesellschaft“.

Unverändert steht die VELA in Interessengemeinschaft mit der NOVA Krankenversicherungsanstalt a. G. Daß Hamburg auch für die private Krankenversicherung eine besondere Bedeutung gewonnen hat, zeigen u. a. auch die Namen der „Bauka – Bäuerliche Krankenhilfe Nordmark“, der „Hanseatischen Krankenversicherung von 1875 Merkur a. G.“, der „Hanse-Krankenschutz“ und nicht zuletzt der „Neuen Welt“. Der letztgenannte bedeutende Krankenversicherungsverein steht in Interessengemeinschaft mit der großen Lebensversicherungs-Aktiengesellschaft „Neue Welt“, die beide der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft nahestehen.

Wenn noch als Hamburger Repräsentant der Rückversicherung die Hamburg-Bremer-Rückversicherungs – Aktiengesellschaft genannt wird, so sollen alle diese Namen nur Andeutungen der vielfältigen Hamburger Versicherungswirtschaft geben, ohne damit irgendein Werturteil über die zahlreichen nicht genannten, z.T. recht bedeutenden Versicherungsunternehmen geben zu wollen. Das Bild von Hamburg als Versicherungsstadt wäre aber nicht vollständig, wenn nicht noch mit einigen Worten der Versicherungswissenschaft gedacht würde. Die Universität Hamburg hat das einzige deutsche Ordinariat für Versicherungsrecht, das von Professor Dr. Möller, dem jetzigen Dekan der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät, betreut wird. Das von ihm geleitete Seminar für Versicherungswissenschaft, das die größte versicherungswissenschaftliche Bücherei im Bundesgebiet besitzt, nimmt sich aber auch der anderen Zweige der Versicherungswissenschaft an, der Versicherungsmathematik, deren hervorragendster Vertreter der 1950 verstorbene Präsident der Hamburger Feuerkasse, Prof. Dr. Riebesell war, der Versicherungsmedizin (Prof. Dr. Dr. Goebbels) und der Versicherungswirtschaft (Prof. Dr. von Mühlenfels).

Die notwendige Verbindung von Versicherungswissenschaft und Versicherungspraxis gewährleistet der Versicherungswissenschaftliche Verein. Mit Unterstützung des Seminars für Versicherungswissenschaft ist 1951 von der Hamburger Versicherungswirtschaft das „Institut für Berufsfortbildung der Versicherungswirtschaft gegründet worden, das sich mit bestem Erfolg der wissenschaftlich-fachlichen Weiterbildung der Versicherungsangestellten angenommen hat und auch in Zukunft annehmen wird. Walther Heyn