Im Treppenhaus des Gebäudes in der Kuno-Fischer-Straße kann man ein paar alten Leutchen behilflich sein, einige Inschriften zu entziffern. „Flüchtlinge, fahrt nicht mit der S-Bahn.“ – Die S-Bahn gehört bekanntlich in ganz Berlin den Ostberlinern. Man sieht es schon daran, daß gerade in diesen Tagen auch auf den westlichen S-Bahnhöfen die Fahnen halbmast zum Tode des tschechischen Diktators Gottwald wehen. Auf diesen Bahnhöfen kann es vorkommen, daß Beamte der Ostberliner Behörden die Flüchtlinge – mitten im Berliner Westen – „einkassieren“, wie der rohe Ausdruck heißt. – „Hütet euch vor Spitzeln!“ Nun, diese Inschrift hindert die alten Leute nicht, offen zu erzählen, warum sie geflohen sind. „Unser Dorf ist fast leer. Da wohnt kaum noch einer.“ – „Meine Söhne sind vor drei Wochen fort. Ich kriege keine Rente. Ich will in den Westen, weil die alten Leute dort eine Rente kriegen.“ Man hat sie ungehindert gehen lassen. – Sollte Cube Recht haben, als er im Münchener Rundfunk sagte, die Sowjets schickten die Leute absichtlich in den Westen?

Auch junge Leute, Achtzehn- und Zwanzigjährige, sind da und stehn in Reih’ und Glied, als wollten sie eine Kolonne bilden. – „Ihr gehört zusammen, nicht?“ – „Jawoll, gestern, in der Fabrik, wurden sie aussortiert. 200 Jungens mußten antreten, frisch von den Maschinen weg. Und da hieß es, wir sollten uns sofort freiwillig melden. Uniform ...Kaserne... So wie wir da beieinander standen, wir zehn, sind wir getürmt.“ – „Wie stellt ihr euch das Leben im Westen vor?“ – „Nun, möglich, daß wir da auch Soldat werden sollen – was meinen Sie? Egal. Besser dort als im Osten.“ – „Hättet ihr bleiben können?“ – „In Kasernen, ja.“ – Sie stellen sich den Westen golden vor, diese Jungen. Wer – mit Cube – warnt, sie aufzunehmen, hätte vielleicht Recht, wenn er nicht wüßte: jetzt sind sie da, jetzt können sie nicht zurück.

Viele, die in der Kuno-Fischer-Straße stehen – und immer wieder treffen vom nahen S-Bahnhof Witzleben her neue ein – sind Bauern. Ruhige Leute, aus deren Gesichtern man nichts lesen kann. Sie bleiben stumm, sie trauen fremden Menschen nicht. Aber traut wenigstens einer dem anderen? – Ein einbeiniger Mann sitzt in der Sonne auf einem Mauervorsprung. Ein Paar kommt vorbei: sie, die Frau, trägt das Kind; er, der Mann, schiebt den Kinderwagen, in dem ein Koffer liegt. Staunende Begrüßung. Das Paar und der Einbeinige sind aus demselben Dorf. „Dort müßt ihr ’rein“, sagt der Einbeinige und deutet mit dem Krückstock auf eine Tür und macht sich erbötig, auf den Kinderwagen aufzupassen. Wie sie zusammenhalten! Doch da nestelt der Einbeinige an seinem Handgelenk. „Nimm meine Uhr als Pfand für den Kinderwagen“, sagt er, „ihr sollt nicht denken, ich hau’ mit eurem Koffer ab ...“ Und die Bauersleute, nur leicht verlegen, nahmen das Pfand. Man hat in der Sowjetzone gelernt, einander zu mißtrauen! –

Dieser Bauer verlangt, einen Ausweis zu sehen, bevor er Antwort gibt. Dann erzählt er, daß er aus der Uckermark kommt. Ein mittlerer Bauer. Zehn Hektar. Er spricht nicht den uckermäikischen Akzent, er ist Rumäniendeutscher, aus der Bukowina. Er ist mit seinen Eltern in ein uckermärkisches Dorf gekommen und hat ein einheimisches Mädchen geheiratet. „Meine Eltern haben eine Siedlung bekommen. Drei Hektar. Die Eltern können sich noch halten?“ – „Warum können sich die Eltern halten?“ – „Weil die kleinen Siedler nicht so vom Soll geplagt sind.“ – „Und Sie?“ – „Nun, zuerst ging alles gut. In den ersten Jahren brauchte ich nur zwei Zentner Fleisch abzuliefern; im vorigen Jahre sollten es 22 Zentner sein; und das war unmöglich. Vorgestern wurde ich aufs Amt bestellt. ‚Sabotage‘, sagten sie zu mir, ‚Volksvermögen schlecht verwaltet‘. Die anderen Bauern sind vor kurzem in – die ,Produktionsgenossenschaft‘ eingetreten, in die Kolchose. Schnell sagte ich: ‚Das will ich auch.‘ Sie sagten: ‚Zu spät.‘ Da war mir klar, ich mußte Flüchtling werden. Gestern abend berieten wir das, meine Frau und ich. Wir sagten der Schwiegermutter, wir wollten zu einer Hochzeit nach Jüterbog fahren; wir nahmen das Kind, den Kinderwagen, einen Drei-Tage-Koffer, und jetzt sind wir hier.“ – „Und die Schwiegermutter weiß es nicht?“ – „Nein, wir wollten es ihr schreiben. Wenn sie mit dem Brief beweisen kann, daß sie nichts wußte – vielleicht darf sie dann wohnen bleiben in dem Haus ...“

Es muß ein System vorhanden sein. Aber wo faßt man es? Wo ist der Zugang zu dem Geheimnis, daß jetzt so viele Bauern aus der Sowjetzone fliehen? Panik kann’s nicht sein. Da lehnt am Vorgartenzaun in der Kuno-Fischer-Straße ein Bauer, der nicht aussieht, als ob man ihm Angst einjagen könnte. Hakennase, energisches Gesicht. Er trägt Jägerhut und Lodenmantel; neben ihm steht eine Aktentasche. So sah ich ihn an drei aufeinanderfolgenden Tagen und wechselte jedesmal ein paar Worte mit ihm.

„Das System ist“, sagt er, „die mittleren Bauern kaputt zu machen.“ – „Sind Sie ein mittlerer Bauer?“ – „Ich habe einen Hof von 100 Morgen. Als ich aus dem Krieg heimkam, war vieles in Unordnung, aber zuerst ging alles glänzend. Die Bauern wurden reich. Der Zentner Raps brachte 3000 Mark, der Zentner Weizen 1000 Mark. Die Menschen hungerten, den Bauern ging es gut. Je mehr man dann vom Aufstieg sprach, desto schlechter ging es den Bauern. Im vorigen Jahr fing das Kesseltreiben gegen die sogenannten Großbauern an. Die kleinen Bauern, die weniger als zehn Hektar bestellen, haben heute pro Morgen drei bis vier Zentner Korn abzuliefern, die größeren Betriebe 40 Zentner pro Morgen. Das hält keiner aus.“ – „Ist es wahr, daß die Produktionsgenossenschaften, die Kolchosen, ein geringeres Ablieferungssoll haben?“ – „Ein weit geringeres Soll, 20 Prozent!“ „Wenn man also wirklich von der Kolchose, von dem zusammengeworfenen Großbetrieb prozentual weniger verlangte als vom mittleren Bauern – wie ist das möglich? Welches Interesse besteht dann eigentlich, Kolchosen zu schaffen?“ – „Es ist das Prinzip. Und das Prinzip ist heilig.“ –

„Was werden Sie im Westen tun?“ – „Landarbeiter werden.“ „Hätten Sie das nicht auch in der Sowjetzone haben können?“ – „Nein, eben nicht“, sagte der Landwirt und wird erregt. „Was glauben Sie? Was denkt ihr heute im Westen? Glaubt ihr wirklich, ein Bauer verließe seinen Hof, sein Land, sein Haus, wenn’s nicht Not hätte, höchste Not? Ein Bauer? Ich wollte gern als Arbeiter, als Enteigneter daheim leben, wie gern! Aber es ist keine Wahl. Ich bin nicht vor der Enteignung davongelaufen, sondern vorm – Zuchthaus. Es gilt doch dies schreckliche Gesetz: Enteignet werden kann nur, wer ,Sabotage‘ trieb. Wer aber ,Sabotage‘ trieb, wird mit wenigstens fünf Jahren Zuchthaus bestraft. Flucht oder Zuchthaus – das war die Wahl für alle Bauern, die Sie hier jetzt in der Kuno-Fischer-Straße sehen.“ – „Ja, trieben Sie und trieben alle die Tausenden von Bauern denn Sabotage?“ – Der Bauer sieht mich fassungslos an, fassungslos über so viel westliche Dummheit. „Es ist ein- und dieselbe Litanei“, sagt er. „Ihr im Westen ruft uns auf, doch ja zu bleiben und deutschen Boden zu bewahren. Und ihr warnt uns –: Westdeutschland sei überfüllt. Aber was glaubt ihr, wie die Möglichkeiten der Entscheidung liegen? Die Berliner wissen Bescheid, auch manche Amerikaner. Ihr kriegt einen Schrecken, wenn plötzlich neue Flüchtlinge in Strömen kommen und bitten, schreien, flehen: ,Helft uns!‘ Anders die Westberliner. Ich würde gern in Berlin bleiben. Aber was soll ich hier? Ein Bauer auf Asphalt? Ich warte nur hier...“ – „Worauf?“ – „Auf meine Frau und meine Tochter. Ich stehe von morgens bis abends hier am Zaun und warte.“ – „Kommen sie noch?“ – „Hoffentlich...“