Von A. Tauterat

Der Wiederaufbau der zerstörten Wohnungen in Hamburg ist leicht zu übersehen. Wir wissen, daß ein Drittel aller durch Kriegsschäden ausgefallenen Wohnungen wiederaufgebaut oder durch Neubauten ersetzt sind. Der Wirtschaftsbau ist jedoch wesentlich schwerer zu überschauen. Es handelt sich um Arbeitsstätten für die verschiedensten Produkte, um Lagerräume, Ausstellungshallen, Werften, Silos, Mühlen, Verwaltungsgebäude, Kontorhäuser, Bank- und Versicherungsgebäude, Lichtspieltheater, Ladenbauten und so weiter. Es gehören dazu auch die Bauten der Versorgungsbetriebe (der Gas- und Elektrizitäts- und Wasserwerke), der Hochbahn und die Bauvorhaben des NWD-Rundfunks.

Der höchste Index der industriellen Produktion in Hamburg nach dem letzten Kriege betrug 111,3 (1916 = 100), das heißt: Die Produktion ist seit dem Jahre 1916 um 11,3 v. H. gestiegen, und für diese erhöhte Produktion müssen gewiß die erforderlichen Räume wieder vorhanden sein. Tatsächlich haben viele Industriezweige über ihre ursprüngliche Kapazität hinaus gebaut: so die Mineralölindustrie, die Gummiindustrie, der Fahrzeugbau, der Maschinenbau und die Elektroindustrie. Es bestätigt sich hier, daß Investitionen in den meisten Fällen mit baulichen Investitionen beginnen. Die bauliche Entwicklung der Industrie zeigt immer die Entwicklung der Industrie überhaupt.

Im Gegensatz zum Wohnungsbau hat der Wiederaufbau der Industrie in Hamburg unmittelbar nach dem Kriege eingesetzt. Bis zur Währungsreform entfielen 75 v. H. aller Wirtschaftsbauten auf Industrie und Handwerk, der Rest verteilte sich auf Bauvorhaben des Handels, auf Kontorhausbauten, auf Ladenbauten und dergleichen. Vor allem die Ernährungsindustrie stand damals beim Wiederaufbau an erster Stelle: Margarinefabriken, Ölmühlen, Getreidemühlen, Bäckereien. Nach der Währungsreform wurde dann das ganze Bauvolumen Hamburgs um ein Mehrfaches vergrößert, wenn auch der prozentuale Anteil der Industriebauten zurückging zu Gunsten des Baues von Kontorhäusern, Bankgebäuden, Versicherungsgebäuden und Warenhäusern.

Seit dem Aufbau der Kontorhäuser hat die Innenstadt heute wieder das vertraute Gesicht, etwas verjüngt vielleicht. Wo noch die Substanz für den Aufbau benutzt werden konnte, erschien meist die alte Fassade wieder; wo die Zerstörung restlos war, wie am Ballindamm, ist manches Gebäude in neuem Stil entstanden.

Eine Entwicklung, die sich bereits vor dem Kriege anbahnte, ist weitergegangen. Die Verwaltungsgebäude der Industrie, Gebäude der Versicherungen und des Handels haben sich zu beiden Seiten der Alster vorgeschoben. Ein anderes neues Geschäftsviertel wächst am Altonaer Bahnhof empor. Bürohäuser, Banken und ein Warenhaus ... Für die Bürger Hamburgs dürfte eines der sichtbarsten Zeichen des Wiederaufbaus einer Gaststätte der Bau des Alsterpavillons sein. Es ist der fünfte Wiederaufbau in seiner Geschichte.

Der Aufbau der Industrie entzieht sich der allgemeinen Sicht. Die Bauten entstehen am Rande der Stadt, im Hafengebiet oder in geschlossenen Industriebezirken. Und was wurde gebaut?