Von Josef Pieper

Der folgende. Beitrag ist der Abhandlung „Über die Aktualität des Thomismus“ entnommen. Dieser Aufsatz wird in Verbindung mit einer zweiten. Arbeit Josef Piepers, die sich ebenfalls mit der Philosophie des Thomas von Aquin beschäftigt, demnächst in Buchform beim Verlag J. Kösel, München, erscheinen.

Wer im Ernst davon spricht, eine Lehre sei aktuell und zeitgemäß, und wer diese Kennzeichnung im positiven, zustimmenden Sinn versteht, der hat damit zugleich gesagt, der menschliche Geist sei, wesentlich zeitlich und geschichtlich. Für einen Erkennenden, dem die ganze Wahrheit „völliger Zugleichbesitz“ ist, tota et simul possessio (wie die klassische Formulierung des Boethius sagt) – für ein solches zeitüberlegenes Erkenntnissubjekt, also für Gott, kann es nicht etwas „Aktuelles“ geben weil alles aktuell ist. Und wo immer der menschliche Geist so verstanden wird, als sei ihm der Gesamtbestand der Wahrheit in jedem Augenblick prinzipiell zugänglich, wo also die Zeitlichkeit und Geschichtlichkeit des Menschen im Grunde geleugnet ist – da kann wiederum der Begriff „Aktualität“ nicht eigentlich vollzogen werden. Der ungeschichtlich denkende metaphysische Rationalismus kann jedenfalls nicht in zustimmendem Sinn von etwas Aktuellem sprechen; ihm gilt „aktuell“ fast soviel wie „falsch“ und „häretisch“; das „Neue“ ist verdächtig, uneigentlich, nicht der Mühe wert. In solchem Sinn haben, im dreizehnten Jahrhundert, diejenigen, welche die „ganze Wahrheit“ zu haben beanspruchten, Albertus Magnus und Thomas von Aquin als die „großen Modernen“ verunglimpft.

Die Zeitlichkeit des menschlichen Geistes scheint aber weiterhin zu bedeuten, daß er in seiner Geschichte, in seiner individuellen wie auch kollektiven Geschichte, nicht einfachhin in stetiger Entfaltung, wie eine Pflanze, von einem Zustand geringerer Einsicht zu einem Zustand höherer und umfassenderer Einsicht voranschreitet. Vielmehr besagt die besonders geartete Geschichtlichkeit des Menschengeistes, daß sein Voranschreiten geschieht wie in Rede und Gegenrede. Nicht also ergreift die „Rede“ in stetigem, unterbrechungslosem Fluß nach und nach das Ganze der Wahrheit, sondern die Rede, während sie das eine ausspricht, verschweigt notwendig das andere; und dies andere gelangt dann zu Wort in der Gegenrede, welche den stetigen Fluß der Rede unterbricht, bis wiederum die Gegenrede selbst unterbrochen wird. Die Chance, eine bestimmte Seite der Wahrheit, der unendlich vielgesichtigen, zu sehen, bringt es zugleich mit sich, daß eine andere Seite weniger deutlich zutage tritt; und wenn diese aus der Vergessenheit sich hervordrängt, droht die erste aus dem Blickfeld zu verschwinden. Das Gesetz aber, nach welchem all dies geschieht, ist uns verborgen; es kann nicht im vorhinein und ein für allemal erkannt werden. Eben hierin, daß jene Chance zugleich eine Gefährdung in sich schließt, zeigt sich am deutlichsten, daß es für den Menschengeist keine tota et simul possessio gibt. Den positiven Sinne der Chance vermagst du nur zu realisieren, wenn du die Gefährdung in Kauf nimmst. Mit anderem Wort: es zeigt sich, daß der menschliche Geist ganz und gar endlich, zeitlich, geschichtlich ist.

Doch sollte nicht von dem Begriff „Aktualität“ gesprochen werden? Tatsächlich sind wir dabei, seine Vieldeutigkeit ein wenig verständlicher zu machen. Wenn nämlich die Geschichtlichkeit des Erkennens bedeutet, daß in einer bestimmten Epoche bestimmte Elemente der Wahrheit besonders deutlich hervortreten, deutlicher als zu jeder anderen Zeit; daß also ganz bestimmte Fragen und Aufgaben sich als besonders wichtig aufdrängen; daß anderseits, aus dem gleichen Grunde, andere Elemente der Wahrheit zurücktreten und geradezu in die Gefahr kommen, vergessen zu werden: was ist dann „aktuell“ und „zeitgemäß“ für diese bestimmte Epoche?

Offenbar ist einerseits alles das aktuell, wodurch eine Epoche in ihren besonderen Wertschätzungen, Einsichten, Fragen sich bekräftigt und bestätigt findet. Aktuell ist, was dem Wollen einer Epoche unmittelbar und positiv entspricht. – Man darf aber nicht vergessen, daß solche Bestätigung natürlicherweise auch die besonderen Blindheiten der gleichen Epoche verschärfen muß. Und hierin deutet sich ein anderer Begriff von Aktualität an: aktuell ist nicht nur das, was eine Epoche „will“, sondern auch das, was sie „braucht“; aktuell ist das Korrektiv; aktuell ist das „Nein“ gegen die Zeit, das heißt gegen die mit den Chancen natürlicherweise verknüpften inneren Gefährdungen einer Epoche.

Aktuell kann also sowohl dam im unmittelbaren Sinn „Zeitgemäße“ wie das im unmittelbaren Sinn „Unzeitgemäße“ sein. Als Nietzsche seinen erregenden Essay über Nutzen und Nachteil der Historie eine „Unzeitgemäße Betrachtung“ nannte, war er, mit Recht, der Meinung, äußerst aktuell zu sein. – Dies freilich daß auch das Unzeitgemäße als aktuell erfahren werden, daß also die Endlichkeit formell als endlich erfaßt werden kann – dies beweist, daß der menschliche Geist, seiner Geschichtlichkeit zum Trotz, dennoch: nicht in die jeweilige Epoche eingesperrt ist; daß er vielmehr wahrhaft Geist ist: capax universi, auf das Ganze der Wahrheit angelegt und darum fähig, Distanz zu gewinnen auch zu seiner eigenen zeithaften Existenz.