Die Wandelanleihen, mit einem festen Zinssatz (alle mit 6 1/2 v H ) ausgestattet und dadurch an die Substanz gebunden, daß der Inhaber dieser Papiere nach einer gewissen Zeit unter Zuzahlung festgesetzter Beträge die Stücke in Aktien des gleichen Unternehmens umwandeln kann, haben den Erwartungen nicht entsprochen, die die Zeichner und wohl auch die Industriewerke selbst in diesen Anlagetyp gesetzt haben. Das hat vor allem zwei Gründe Einmal fielen die Aktienkurse, kurze Zeit nachdem die Wandelanleihen aufgelegt waren, was naturgemäß die Bewertung der Wandelanleihen ungünstig beeinflussen mußte, und zum anderen machte sich die Abkehr vom reinen Substanzdenken zugunsten der Renditeüberlegungen geltend, ein Wechsel, der in den vergangenen Monaten das gesamte Börsengeschäft entscheidend beeinflußt hat.

Zu Beginn 1952 waren die Wandelanleihen für die Gesellschaften die einzige Möglichkeit, mit Erfolg an den Kapitalmarkt. heranzutreten. Überdies bot diese Konstruktion für die Unternehmen attraktive Reize: Sie konnten das „teure Aktiengeld“ für längere Zeit vermeiden und die Obligationszinsen bei der Gewinnermittlung als Betriebsausgaben abziehen. Sehr bald’stellte sich jedoch ein Pferdefuß ein, den man bei der Begebung der Anleihen übersehen hatte. Manche Aktionäre derjenigen Gesellschaften, die Wandelschuldverschreibungen auflegten, verkauften ihre höher im Kurs stehenden Aktien und erwarben dagegen Wandelobligationen, die sie später wieder in Aktien umtauschen können. Praktisch ab das so aus: Ein Aktionär der Dt. Erdöl AG verkaufte seine Stücke zum derzeitigen Kurs von 140 v. H., erwarb zum Zeichnungskurs von 100 v. H. Wandelanleihen der gleichen Gesellchaft. die er mit einem Zuschlag von 40 v. H. ab 1955 wieder in Aktien umtauschen kann. Durch eine solche Manipulation erleidet er keinen Verlust, sichert sich aber je Jahr 6 1/2 v. H. Rendite – eine Verzinsung, die ihm die Aktien kaum bieten können. Ähnlich sah es auch bei den anderen Fällen aus.

Diese Umtauschaktionen zogen die Aktienkurse herunter und man hat festgestellt, daß sich sogar Besitzer von Dauerbeständen zum Verkauf bereit gefunden haben, die sonst nicht angetastet worden wären. So sind also durch die Wandelschuldverschreibungen – ihr Gesamtbetrag beläuft sich auf 110 Mill. DM – dem Kapitalmarkt nicht sehr vielneue Mittelzugeflossen Weitere Anleihen in der Gesamthöhe von 90 Mill. DM (Siemens. Daimler usw.) waren schon genehmigt, doch stellte man sie wegen mangelnden Interesse auf unbestimmte Zeit zurück.

Wie aus unserer Tabelle hervorgeht, haben sich die Relationen. seither gründlich verschoben Die Wandelanleihen werden gegenwärtig etwa zu 95 v. H. gehandelt. Damit liegen sie bei einigen Gesellschaften über dem Aktienkurs, wodurch jedenfalls zum augenblicklichen Zeitpunkt Jeglicher Anreiz entfallen würde, die Stücke in Aktien umzuwandeln. Lukrativer wäre es vielmehr, die Schuldverschreibungen zu verkaufen und mit dem Erlös Aktien der gleichen Gesellschaft zu erwerben. Bei Dt. Erdöl – um bei diesem Beispiel zu bleiben – bucht man dann 7 v H Gewinn, verzichtet aber auf die garantierte Rendite.

Bei allen diesen Überlegungen darf, die steuerliche Seite nicht außer acht gelassen werden. Durch das erste Kapitalmarktförderungsgesetz sind zusammen mit den Aktien auch die Wandelschuldverschreibungen weitgehend diskriminiert worden. Sie sind jetzt einer Kapitalertragssteuer von 30 v. H. unterworfen (bislang 25 v. H., die bei der Einkommensteuer-Erklärung in Anrechnung gebracht werden konnten). Das bedeutet, daß du kleineren Anleger jetzt einer höheren Belastung ausgesetzt sind, während die Inhaber größerer Vermögen (wie z. B. Unternehmen, Versicherungen und Banken) bei der neuen Regelung mit der pauschalen Versteuerung besser davonkommen Übrigens hat gerade diese Tatsache bei den Großanlegern neuerdings zum Kauf angeregt, wodurch sich der Kurs von etwa 90 auf 95 v H. erholt hat

Zu bedauern ist, daß die in den Anleiheprospekten angekündigte amtliche Kursnotlz an den westdeutschen Börsen bis auf eine Ausnahme bisher nicht eingeführt ist. Wenn auch den Emissionshäusern mit der amtlichen Notierung die Pflicht für eine angemessene Kurspflege erwächst, so sollten sie nicht mehr länger zögern, diesen längst fälligen Schritt zu vollziehen. Der Markt hat sich inzwischen so ausgeglichen, daßer ohne größeres Risiko unternommen werden kann, wie das Beispiel der VDM-Anleihe gezeigt hat.

Zum Schluß: wie werden sich die Kurse der Wandelschuldverschreibungen weiter entwickeln? Infolge ihrer engen Koppelung an die Aktien müssen die Obligationen bis zu einem gewissen Grade die jeweilige Aktienbewegung mitmachen Ob also einmal die relativ hohen Umwandlungskurse erreicht werden, hängt von der Belebung des Aktienmarktes ab Als sicher kann gelten, daß sich die Wandelanleihen einem nochmaligen starken Abfall der Aktien nicht anschließen werden, die garantierte Verzinsung bildet hier einen durchaus wirkungsvollen Riegel.