K. W., Berlin, im März

Die Suche nach dem Zeittheater ist, in Deutschland wenigstens, ohne Ergebnis geblieben. Weder die Bühne noch die Leinwand hat sich bei uns der großen Erlebnisse und Probleme des Heimkehrers, des Verwundeten, des Verwandelten angenommen. Um so mehr ist man interessiert, wenn sich ein Bühnendichter eines Schicksals von besonderer Verwandlungskraft angenommen hat. „Die Gefangenen heißt die Szenenfolge, die Stefan Barcava geschrieben hat. Das Schiller-Theater hat mit dieser Uraufführung zum ersten Male das Stück eines deutschen Autors aus der Taufe gehoben.

Das Stück handelt von russischer Kriegsgefangenschaft. Ein Drama ist es nicht, denn die Vorgänge sind nicht in einen Zeit und Umstände überhöhenden Ideenraum versetzt. Barcava schildert einfach. Er schildert ein bestimmtes, von ihm sehr genau gekennzeichnetes Gefangenenlager in der Sowjetunion, offensichtlich nach eigenem Erlebnis. Und so zeichnet er seine Figuren in ihren Gesprächen, ihrem Wunsch, zu Überleben, ihrem gemeinsamen Hunger, ihrer trüben Hoffnungslosigkeit. Eine enge Welt hinter dem Stacheldraht steht auf der weiten Bühne. Diese Welt steht für viele andere Welten hinter Stacheldraht, deren es heute unzählige gibt.

Der Autor hat im Programmheft seiner szenischen Reportage eine tiefere Bedeutung geben wollen. Er beabsichtigt, in den Einzelschicksalen Züge von allgemeiner Gültigkeit, Züge von Verbindlichvon in einem tragischen Sinne darzustellen. Aber nichts in diesem Stück rechtfertigt den Kommentar. Einen echten dramatischen Anlaß läßt er viele Szenen hindurch ungenützt; die großen Konfliktstoffe wertet er nicht aus. Daß sich im Lager zwei Männer begegnen, die zu Hause die gleiche Frau haben, wäre schon ein ergiebiges Thema: um so mehr, als Barcava daran die großen psychologischen und politisch-moralischen Hintergründe dieses Krieges, das Untertauchen in die Uniform, das Auswechseln der eigenen Person durch eine angenommene politische Funktion aufleuchten läßt. Aber er versteht nicht, sie zu Faktoren der Handlung zu machen. Immerhin bannt das Stück eine Reihe von Erfahrungen, die vielen hunderttausend Menschen beschieden waren, atmosphärisch auf die Bühne. Das schafft Szenen von lastender Dichte. Es ist auch anzuerkennen, daß Barcava das Schwarz-Weiß-Spiel gemieden hat, also nicht gut mit deutsch, böse mit russisch identifiziert.

Der junge Regisseur Nölte, dem diese Studioaufführung anvertraut war, ließ sich mit Recht auf keine szenischen Experimente ein. Wilhelm Borchert und Paul Edwin Roth waren die beiden Kriegsgefangenen, in denen sich Hoffnung und Verzweiflung einer ganzen Generation spiegelte.