Von Norbert Jacques

Ich notiere den niedrigsten und den höchsten Preis, denen ich im März 1953 auf Hamburger Speisekarten begegnet bin: Im „Alten Ritter“ gibt es einen „Happ“ für 5 Pfennig, und im „Atlantic“ besteht die Möglichkeit, für ein Gericht 25 Mark anzulegen. In beiden Fällen handelt es sich um „Fischernes“, im „Alten Ritter“ um Hering, im „Atlantic“ um Kaviar. Beide Gaststätten liegen in derselben Straße: mit dem einen beginnt sie am Spadenteich und mit dem andern hört sie am Holzdamm und der Alster auf. Der „Alte Ritter“ hat drei Tische, „Atlantic“ 400 Betten. Man kann in einer geradezu „tiefschürfenden“ Bezüglichkeit diese Tatsache unter ein Dach zaubern: dies ist Hamburg. Das Individualisierende ist der Grundton der Ballade dieser Stadt.

Diesem Individualismus ist es auch zuzuschreiben, daß sich in Hamburg nie ein Betrieb wie Aschinger, ein Kempinski in Berlin hat bilden können, die die Gäste in der Masse bewirten, wohl aber Hunderte von „Alten Rittern“ mit drei oder vier Tischen. Hamburg hat 3000 konzessionierte Wirtschaftsbetriebe.

Von den alten klassischen Restaurants, in denen Generationen von Handelsherren mit ihren Gästen aus aller Welt kaviar-, hummer- und austerngeschmückte Schmausereien gefeiert haben, mit Rotspon und Champagner, bestehen noch: Cölln, Schümann, Ehmke, Doelle, und an der Elbe in Nienstedten das seit anderthalb Jahrhunderten wirkende Jakob. Eine folgende Generation brachte den Ratsweinkeller, das Winterhuder Fährhaus, das Hotel Atlantic, Restaurant Haerlin im Hotel Vier Jahreszeiten, die Gaststätten an der Elbchaussee und in Blankenese, „Halali“ in der Innenstadt, dann das Landungsbrücken-Restaurant, in der City noch „L’Arronge“, auch als Konditorei von besonderem Namen. Nach dem Krieg entstanden neue schätzbare Eßlokale, alte wurden neu gestaltet. Um die Alster: Michelsen, Belvedere, Fährhaus Mühlenkamp, Witte, der neue Alsterpavillon, die neuen Bürgerstuben. Gerühmt wird das Vegetarische Restaurant in den Arkaden. Neben dem früheren Uhlenhorster Fährhaus wurde, so wie sie war, mit ihren vielen Räumen, eine Villa zu einem Restaurant gemacht, nennt sich auch „Die Villa“ und hat eine malaiische Köchin, um die komplettesten Reistafeln zu bereiten, die in Europa aufgetischt werden. Das Reichshof-Restaurant ist eines der gesuchtesten der Stadt geworden. Im Hafen ankert für die Romantiker das Segelschiff „Seute Deern“, ein Stück weiter unmittelbar an der Elbe das allerneueste reizvolle Fischereihafen-Restaurant. Im Hauptbahnhof die Bahnhofsgaststätte ist ein gepflegtes Lokal nicht nur für eilige Restaurant und in Ovelgönne blieb immerhin noch Hoppe. Im Hauptbahnhof die Bahnhofsgaststätte ist ein gepflegtes Lokal nicht nur für eilige Eisenbahnreisende. Auch Dammtor und Altona werden gerühmt.

Auch sind in der letzten Zeit manche Lokale mit ausländisch-nationalem Charakter entstanden, so wie es einer Hafenstadt gebührt; sie führen heimatliche Küche und dito Musik. Zum Beispiel: Wer es laut haben mag, der bekommt in der bajuwarisch eingefärbten Stadtschenke am Dammtor zum guten Bier die Ohren bis an den Rand gefüllt.

Aus alten Zeiten aber haben sich kuriose Gaststätten erhalten, wie die Himmelsleiter in der Altstadt, deren Namen vor 500 Jahren schon genannt wurde. Und dann eben beginnt der gewaltige Kreis der Lokale von drei bis sechs Tischen, abgestuft für alle Bevölkerungsschichten, deren Spitzen einige Male fast an Feinschmeckerlokale reichen, deren bescheidene Beispiele man aber ja nur nicht naserümpfend beiseite liegen lassen soll. Es gibt immer etwas „Anständiges vom Lande“ zu essen, geräucherten Schinken, nahrhaft gespeckte Wurst aus dem Bauerndorf. Und in ihnen, wo ungeahnte Mengen von „Lütten un Beer“ und von Grogs der Seele zugeführt werden, gerät man leicht in Tuchfühlung mit der Volksseele, die sich hier nicht immer auf Platt, sondern vielfach auf Missingsch äußert –: das ist die eigentliche Hamburger Umgangssprache bei großen Teilen der Bevölkerung, ein Slang. Sie hat in Dirks Paulun ihren Dichter, der manchmal einen einzigen Satz prägt, in dem mehr Volkspsychologie enthalten ist, als in den Bänden vieler Schriftgelehrter. Und Grog bei Grog lassen auch dem Besucher dieser Kneipen eine Annäherung an die Volksseele gelingen.

Gewiß steht es auch im Zusammenhang mit dessen individualistischen Neigungen, daß es einen Haufen kurioser, manchmal schrulliger und oft ungewöhnlicher Lokale gibt. Am Eichholz beispielsweise ist die „Glockenkate“: zwei, drei Stuben im dunklen Gewirr eines alten Hauses, in dem die Wirtin mit dem Kochlöffel aus einem Schellenspiel die bedeutendsten Melodien hervorruft, der Wirt aber geradezu als Künstler mit dem Schütteln der Schellenstränge Grammophonplatten begleitet.