Im Mittelpunkt der hamburgischen Banktätigkeit – das weisen die Landeszentralbankberichte der letzten Jahre aus – steht die Betreuung, Beratung und Finanzierung des Handels. Er sowie die Schiffahrt, der Schiffbau, die Hochseefischerei, die Industrie und die in der Umgebung liegende Landwirtschaft sind der Boden, auf dem der Bank- und Börsenplatz Hamburg gewachsen ist. Durch ihre vielfältige Mittlertätigkeit geht die Bedeutung der Hanseatischen Wertpapierbörse, deren Trägerin die Handelskammer ist, weit über einen allein regionalen Charakter hinaus. Sie erfüllt auf Grund ihrer geographischen Lage und ihrer seit 1558 gesammelten Erfahrungen funktionelle Aufgaben für die gesamte deutsche Wirtschaft.

Die Lage nach 1945 war für Hamburg deshalb völlig neu, weil die Stadt nicht nur von allen überseeischen Verbindungen, sondern darüber hinaus von einem wesentlichen Teil seines Hinterlandes durch den Eisernen Vorhang abgeschnitten wurde. Inzwischen aber konnte das Tor zur Welt wieder aufgestoßen werden; die Verschiebung der wirtschaftlichen Schwerpunkte in Deutschland erforderte jedoch im Bank- und Börsenleben der Hansestadt eine totale Umstellung, die in den letzten Jahren ihren äußerlichen Ausdruck in der Umorganisation innerhalb des Bankgewerbes gefunden hat.

Der Tatsache Rechnung tragend, daß Hamburg wieder die Stadt des deutschen Außenhandels ist, unterhalten die Nachfolgeinstitute der ehemaligen Großbanken hier die umfangreichsten Außenhandelsabteilungen. Mit ihnen sind auf diesem Gebiet eine Anzahl alteingesessener Privatbanken und als Besonderheit etliche Privatbankiers im Überseegeschäft tätig. Das Bild wird abgerundet durch sechs ausländische Institute, die als Bindeglied zu den Ex- und Importmärkten dienen. Für die Finanzierung des Außenhandels sind alle diese Unternehmen unentbehrlich, zumal sie auf Grund ihrer langjährigen Erfahrungen und Kenntnisse der überseeischen Gepflogenheiten die Kundschaft vor unnötigen Risiken und Verlusten bewahren können.

Der schnelle Austausch von Informationen, ihre kommerzielle Auswertung sowie das rasche Erkunden von Absatzmöglichkeiten wird einzigartig gefördert durch die täglichen Börsenzusammenkünfte, bei denen das Wertpapiergeschäft nur einen in seiner Bedeutung unterschiedlichen Teil darstellt. Durch das unmittelbare Zusammenarbeiten der Firmenvertreter von See- und Binnenschiffahrt, Versicherung, Lagerhaltung und Spedition ist für Hamburg ein günstiger Ausgangspunkt für Geschäfte im internationalen Rahmen gegeben.

Wenn das Wertpapiergeschäft in Hamburg nach dem Kriege einen besonders schweren Start hatte, so sind die Ursachen hierfür nicht nur in den allgemeinen Belastungen, wie Währungsreform, diskriminierende Steuergesetzgebung, und in den Rückwirkungen einer besitzfeindlichen Politik zu suchen. Man muß weiter bedenken, daß Hamburg in den letzten Jahren immer nur am Rande der Konjunktur gelegen hat. In den Notstandsgebieten Schleswig-Holsteins und Niedersachsens war eine private Kapitalbildung ebensowenig möglich wie in Hamburg, selbst mit seiner überdurchschnittlichen Zahl an Arbeitslosen. Während vor dem ersten Weltkriege die Hamburger Börse als Mittler großer finanzieller Transaktionen auftrat, durch die die wirtschaftliche Erschließung und Entwicklung der nordischen Länder wesentlich vorangetrieben und daneben ein wertvoller Beitrag zur Aufschließung kolonialer Gebiete geleistet wurde, so sind diese Aufgaben im Zuge der politischen Entwicklung fortgefallen. Da eine Rückkehr zu ähnlichen Geschäften nicht zu erwarten ist, bemüht sich die Hanseatische Wertpapierbörse um eine Erweiterung ihrer Notierungslisten. In den vergangenen Jahren bestand eine wesentliche Aufgabe darin, die durch den zeitweisen Fortfall der amtlichen Berliner Notierungen heimatlos gewordenen Papiere nach Hamburg zu ziehen, allerdings immer nur soweit, als diese ihrem Charakter nach an eine hanseatische Börse gehören.

Natürlich wird durch alle diese Maßnahmen das Hauptproblem, nämlich die erforderliche Wiederbelebung, nicht gelöst. Die Rückgewinnung der alten Kundschaft und vor allem die Werbung um jene Kreise, die heute zur Kapitalbildung in der Lage sind, muß allen anderen Aufgaben vorangehen. Daß dabei die Chancen nicht ungünstig sind, zeigt die Sparerstatistik der Hansestadt.

Die Mehrzahl der kleineren und mittleren Sparer trägt heute ihre Einlagen in die beiden großen Hamburger Sparkassen, die die ältesten Einrichtungen ihrer Art in Deutschland sind. Übrigens hat in Hamburg nicht nur die Wiege der Sparkassen, sondern auch die des Girosystems gestanden. Die in den Sparinstituten zusammengetragenen Mittel gingen vornehmlich in den Wohnungsbau, daneben wurde aber auch wieder das Personalkreditgeschäft gepflegt. Kurt Wendt