Von Martin Rabe

Der Maler Erich Heckel feiert in diesem Jahr – am 31. Juli – seinen 70. Geburtstag. Die Folge der Ausstellungen, die aus diesem Grund in Deutschland stattfinden werden, hat jetzt die Kestner-Gesellschaft in Hannover eröffnet. Da hängen nun die Bilder, die Hitler so geärgert, haben, daß er sie aus den Museen entfernen und daß er sie beschlagnahmen ließ, wo er ihrer nur habhaft werden konnte; 729 Werke waren es im ganzen, Gemälde, Aquarelle, Lithos und Holzschnitte. Heute wirken die gleichen Bilder, die zur Zeit ihres Entstehens vor dem ersten Weltkrieg in weiten Kreisen des Bürgertums Anstoß erregten, beinahe klassisch. Die jungen Maler unserer Tage muten dem Betrachter ganz andere Dinge zu als die damaligen Revolutionäre der „Brücke“, Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff, Pechstein und Otto Müller. Sie hatten einen Grundsatz, auf den sie sich in ihrer Gemeinschaft verpflichtet hatten und von dem sie auch nie abwichen: niemals zu malen, was es nicht gibt. Woraus für sie als Zweites folgte: alle Dinge so darzustellen, daß sie ihr inneres Wesen offenbarten, ihre Beziehung zu dem Betrachter. Auf diese Weise wurden ihre Bilder sehr romantisch, hatten sie etwas Erzählendes, einen lyrischen Klang.

Heckel begann wie Kirchner und Schmidt-Rottluff als Architekturstudent in Dresden. Er war der einzige aus dem Brücke-Kreis, der das Studium zu Ende führte, und eine Zeitlang arbeitete er im Atelier von Wilhelm Kreis. Als Maler ist er Autodidakt. Was die moderne deutsche Kunst diesem damaligen Zusammenschluß junger Maler in der „Brücke“ verdankt, wird in der Hannoverschen Ausstellung außerordentlich lebendig. Die starken, ungebrochenen, hellen Farben der frühen Bilder, die kühne Zusammenstellung der Farbtöne machten den Weg frei für jene Entwicklung, die, trotz der Unterbrechung in der Nazizeit, der deutschen Kunst wieder Geltung in der Welt verschafft hat.

Für Heckel folgte auf jene erste Periode, in der er mit der gleichen Freude wie Kirchner und Schmidt-Rottluff sich dem Farbenrausch hingab, eine zweite, deren Bilder düster gemalt sind mit viel Schwarz, aus dem nur einzelne Stellen magisch aufleuchten, Bilder, die eine starke Stimmung von Schmerz und Einsamkeit vermitteln.

Von der Malweise dieser frühen Epoche wandte sich Heckel endgültig etwa um das Jahr 1923 ab. Er lebte jetzt in Berlin. Der alte Brücke-Kreis war zerfallen. Ein neuer Kreis hatte sich gebildet, zu dem die Bildhauer Alexander Zschocke und Ludwig Thormaehlen gehörten. Vielleicht unter neuem Einfluß, vielleicht aus der alten Neigung heraus, die ihn einst dazu bestimmt hatte, Architektur zu studieren, fing er nun an, seine Kompositionen sehr fest und genau aufzubauen. Das expressive Element trat dabei zurück, und die Farben wurden sanfter. Er liebte jetzt eine silbrige Gesamtstimmung im Bilde. Nur eines blieb gleich: immer noch ist es das Licht, das die Bilder zusammenhält und ihren Charakter bestimmt. Auch haben sie das Erzählende nicht verloren, das sie schon in der Jugendzeit des Malers besaßen. Vielleicht ist dieser radikale Bruch in der Entvicklung eine typisch deutsche Erscheinung. Nimmt man etwa zum Vergleich den Franzosen Matisse, der aus dem Kreis der „Fauves“ hervorgegangen ist, der französischen Parallele zu dem deutschen Brücke-Kreis, so erkennt man, daß seine heutigen Verke in ihrem Charakter sich von denen, die er 1911 malte, nur dem Grade, nicht dem Wesen nach unterscheiden. Den Deutschen ist offenbar die Liebe zum Maß und zur Stetigkeit nicht gegeben. Wie Heckel ziehen sie das Suchen vor, das Experimentieren, wobei es denn vorkommen kann, daß eine Entwicklung vorzeitig abgebrochen wird.

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Zur gleichen Zeit zeigt in Stuttgart die Galerie Ketterer Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen eines anderen Brücke-Künstlers: Ernst Ludwig, Kirchner. Es ist keine systematisch aufgebaute Ausstellung wie die von Heckel in Hannover, in der eine sehr gewissenhafte Auswahl aus dem ganzen Oeuvre des Künstlers zu sehen ist. Hier ist die Zusammenstellung so erfolgt, daß Bilder aus dem Besitz der Galerie mit Werken aus einer privaten Stuttgarter Sammlung vereinigt sind. Der Eindruck ist dennoch sein stark, weil hier große Gemälde aus dem Nachlaß vertreten sind, wie man sie in Deutschland nur selten zu sehen bekommt. Es sind Landschaften aus den Schweizer Bergen von einer Stärke der Farbgebung, daß die frühen Dresdener Bilder neben ihnen französisch zart wirken. In der Form sind sie oft ins Ornamentale vereinfacht, wobei sie verblüffend stark an Werke des Jugendstils erinnern. Auch sie haben das Erzählende, das allen Erzählende, lern eigentümlich ist, behalten. In den großen Landschaften ist etwas von der Stimmung des Märchenhaften eingefangen; die Figuren zeigen of: einen Figuren Humor. Gerade eine solche, mehr aus dem Zufälligen heraus entstandene Ausstellung weckt den Wunsch, daß bald einmal als eine Gedächtnisfeier für den großen Künstler in repräsentativen Bildern das Gesamtwerk von Kirchner gezeigt wird. Bereits die Ausstellung in der Kestner-Gesellschaft im Herbst 1950 hat ja gezeigt, welch hohen Rang Kirchners Malerei in der internationalen Kunst des 20. Jahrhunderts einnimmt.