Der gute Unterhaltungsroman ist schon immer ein Sorgenkind der deutschen Literatur gewesen. Von den Engländern könnten viele unserer Autoren lernen, daß ein guter Schriftsteller besser ist als ein mißglückter Dichter. Deeping, Cronin und Forester sind Exponenten geschliffener Unterhaltung. Die Schweizer Literatur hat sich mit Knittel, die amerikanische mit Bromfield oder Margret Mitchell (um nur zwei herauszugreifen) ebenfalls als kompetent für die meisterhafte Unterhaltung erwiesen. An diesen Beispielen gemessen, bleiben uns die deutschen Schriftsteller manches schuldig.

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Zu den wenigen Ausnahmen gehört Horst Wolfram Geissler. „Der liebe Augustin“ hat sich mit innigem Lächeln durch die Publikationsflut weit nach vorn geschlängelt und wird begehrt bleiben, solange noch Menschen nicht zu tiefe, aber ehrliche Besinnung schätzen.

Ob das neue Werk Geisslers – Alles kommt zu seiner Zeit – (Franz Ehrenwirt Verlag, München) die gleiche Leserliebe erfährt, ist nicht so sicher. Das sind fast 800 Seiten einer gewiß gekonnten Plauderei, manchmal sogar in beachtlicher Nähe der Meisterschaft, aber stets von Gefühlen wieder abgetrieben.

„Sieh da, vom Lindenast schaute eine kleine Blaumeise herunter“ – in diesem Satz liegt Geissler geschlossen. Seine Gestalten sind herzlich gezeichnet, nennenswerte Konflikte werden umgangen und selbst dort, wo sich gelegentlich Schatten nicht vermeiden lassen, klingt ein stiller Jubel über den ziselierten Bau schöner Worte durch. So entsteht die Atmosphäre des Heimeligen, Altvertrauten. Die Hauptfigur dieses Buches ist eine Amerikanerin namens Mary Beöthy, die den Zauberer Cagliostro leiratet. Der heißt eigentlich Baron von Stegen. Cagliostro hat sich in Südamerika ein Vermögen erzaubert. Da also keine finanziellen Schwierigkeiten bestehen, kommt es nur darauf an, daß Mary den widerspenstigen Weltenbummler zähmt. Ihr Geschick auf diesem Gebiete ist meisterhaft. Zum Schluß des Romans gibt’s Zwillinge, die endliche Heirat und der Kauf eines Bauernhofes. Alle übrigen Gestalten: der philosophische Waffenschieber Dr. Bertram, Halbbauer Tonio, die beiden Kunststudenten und Manager Wu bleiben Randfiguren. Wirklich schön ist jedoch die Schilderung einer Gespensterentlarvung auf dem Schloß einer Herzogin, ein Kapitel, das aus der Feder von Musset stammen könnte.

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Am 8. Mai 1902 wurde die Stadt Saint Pierre auf Martinique durch einen Ausbruch des Mont Pelé vernichtet. Diese Tatsache und das stürmische Treiben vor dem großen Sterben wären eines bedeutenden Romanciers würdig gewesen. Sicher hat der Hochturm-Verlag mit „Feuer unter der Erde“ von Georg Edward die gängige Unterhaltungsliteratur um ein gutes Exemplar bereichern wollen. Romanheldin ist die wunderschöne junge Kreolii Jzore, nie und da in ihren, Gefühlen zu „courts-gemahlt“, ein Marlittchen mit der Gelegenheitssehnsucht nach Negern. Wenn sie aus Liebe weint, empfindet man die Tränen nicht nach, und selbst, wenn sie in die Gefahr der Leidenschaftlichkeit gerät, bleibt der Leser sieben Meilen hinter den Absichten des Autors zurück. Izore soll den Englander Oliver vermählt werden, denn ihr reicher Vater hält etwas auf Abstammung. Aber sie flieht nach Saint Pierre, wird von ihrer Freundin Blanche an den begüterten Sir Edgar vermittelt, und schon ist die unvermeidliche große Liebe da. Als Sir Edgar fälschlich unterrichtet wird, daß der Abendstern seiner Gedanken nicht mehr unberührt sei, wirft er ebenfalls die Tugend von sich und büßt dafür mit einigen tausend Schicksalsgenossen im Feuerschlamm des tobenden Mont Pelé. Izore jedoch übersteht ein Nervenfieber, um still und bescheiden bei ihrem Jugendfreund Etienne glücklich zu werden ...