Du kannst der Armut der Leute nicht auf den Grund gehen. Du kannst nicht feststellen, ob sie verschuldet oder unverschuldet in Armut geraten sind, ob sie in Wahrheit arm sind oder nur die Armen spielen. Kümmerst du dich trotzdem darum, so kann es sein, daß du an ihnen zum Dummen wirst.“ Diese Lehre gibt Chaim, der alte Jude, seinem Sohn, dem kleinen Jakob in dem Roman: Die schiefen Häuser von Albert Bosper (Paul List Verlag). Jakob hatte dem armen Schuster das Leder ohne Bezahlung überlassen, und der wiederum den armen Korbmachersleuten Karolyi und Stefania die zerfetzten Schuhe umsonst zurechtgeflickt. Denn Stefania fror. Und sie besaß keinen Heller. Sie hätten beide arbeiten können, Stefania und Karolyi, aber warum sollten sie sich mühen und plagen? Es fand sich noch immer ein Mitleidiger, der half, wenn es nicht mehr weiterzugehen schien, wenn als letzter Ausweg das Korbflechten blieb. So versuchten sie die Armut, lebten von den Gelegenheiten und hatten eigentlich nichts an der Welt auszusetzen. Bis, ja bis eben Codreanu, der ehemalige Lehrer der kleinen Stadt Vatra im Südosten Europas, zu ihnen in die baufällige Hütte trat und ihnen vom Recht der Armen erzählte und von der Pflicht der Wohlhabenden, ihnen zu helfen. Nicht, daß Stefania oder gar Karolyi sich durch Codreanus fanatische Überredungskünste aus ihrem dumpfen Dahinleben hätten aufrütteln lassen. O nein, sie nahmen die Dinge, wie sie ihnen geboten wurden. Erreichte Codreanu mit seiner fieberhaften Tätigkeit, was er überall laut proklamierte, nun gut, dann würde man sich sein Teil zu holen wissen.

Codreanu zog in die Hauptstadt und verkündete dort seine Parole: „Den Armen das Lebensrecht! Nur im unmittelbaren Sozialismus liegt das Heil! Auf zum Kampf für die neue Weltordnung!“ Dann kehrten er und sein Fähnlein als Sieger zurück und übten Gerechtigkeit indem sie das gleiche Unrecht begingen, wie die, die vor ihnen waren, nur, daß nun gleichsam das Unterste zu oberst und das Oberste nach unten gekehrt wurde. Ihm, dem Weltverbesserer, stellt sich Chaim, der alte Händler, mit der Weisheit Weiseiht seiner Väter entgegen. „Die Ehrfurcht vor Chaims undefinierbarer und unzweifelhafter Größe“ bringt nicht nur den Sohn zur Besinnung, der sich aufgelehnt hatte, sondern auch das grölende Volk.

Codreanu scheitert nach blutigen Unruhen. Sein Fanatismus stand gegen ihn selbst. Hatte er eine wohldurchdachte Idee verfochten, so hatte er eine Chance gehabt. Mit Fanatismus allein war das Erreichte nicht zu halten.

Albert Bosper, ein junger Erzähler, geht der Fabel mit Leidenschaft und kühler Intensität zugleich zu Leibe. Er versteht es, Menschen lebendig werden zu lassen, und er versteht es, ihre Schicksale so vor uns aufzurollen, daß man sie nicht vergißt: die beinahe heitere Verbissenheit Codreanus, die selbstsichere Haltung des alten Juden und vor allem die muffige, von Slibowitz geschwängerte Atmosphäre in der Kate von Stefania und Karolyi.

Cornelius Colon