Am letzten Montag kam der Vorsitzende des „Gesamtdeutschen Blocks – BHE“ von einer zweitägigen Parteivorstandssitzung aus München, aber es ist noch gar nicht so lange her, daß er von einer zweijährigen KZ-Sitzung aus Neuengamme kam. Am Ende dieses zur Beseitigung aller KZ’s der Welt geführten Krieges hatten die Engländer nämlich den früheren Direktor der Reichsgesellschaft für Landbewirtschaftung, Waldemar Kraft, in Ratzeburg abgeholt, der mit den Resten seiner ausgebombten Berliner Dienststelle im April 1945 dorthin getreckt war. So lagen die organisatorischen Talente dieses typischen Ostdeutschen, der in seiner Posener Heimat schon in sehr jungen Jahren als Leiter der deutschen Bauernvereine in Polen eine politische Position einnahm, zunächst einmal lahm. In der westdeutschen Öffentlichkeit trat er erst 1948 auf. Und zwar nicht als Parlamentskandidat, sondern als klagende Partei in einem Prozeß gegen die Stadt Ratzeburg, deren erster, von der Besatzungsmacht eingesetzter Bürgermeister die Abwesenheit des Häftlings Kraft benutzt hatte, um von dessen Privateigentum einiges zu „beschlagnahmen“. Diesen Prozeß gewann Kraft, es war sein erster Nachkriegserfolg. Im übrigen ging er stempeln und fing an, in seiner reichlichen Freizeit Vertriebene zu organisieren. Zu früh ließ er sich überreden, in der Bundestagswahl (1949) als unabhängiger Kandidat aufzutreten. Die Redner der anderen Parteien gaben zu bedenken: Wählt den nicht der hat keine Reststimmenliste, da gehen die Stimmen verloren. Die meisten Wähler folgten diesem Rat. „Damals sagte ich“, erzählt Kraft heute, „das soll mir nicht noch einmal passieren! Heute habe ich eine Reststimmenliste. Aber jetzt wollen die in Bonn wieder das Listenwahlrecht abschaffen ...“

Waldemar Kraft: großer Tag war der 9. Juli 1950. Von Beruf war er immer noch Arbeitsloser, aber auch schon wieder Kandidat. Da saß er im Hinterzimmer eines Ratzeburger Kaffee’s und hörte die schleswig-holsteinischen Wahlergebnisse. Auf einmal kamen merkwürdige und auch für Kraft selbst höchlichst überraschende Zahlen aus dem Lautsprecher. Der BHE - Stimmen wurden immer mehr, und als die Ergebnisse komplett waren, war Kraft der Chef der zwei stärksten Partei des Landtags mit 23,4 v. H. der abgegebenen Stimmen und 15 Abgeordneten. Ein paar Tage später war er stellvertretender Ministerpräsident und Finanzminister. Mit dem Stempeln war es aus.

Von Stund’ an begannen Hunderte von ernsten und unernsten Leuten in sämtlichen Bundesländern BHE’s zu gründen. In manchem Land gab es fünf und mehr Landesverbände. So begann für Kraft das schwierige Geschäft, die Spreu vom Weizen zu sondern. Das ging, weil er die Autorität des Kieler Wahlerfolges mit sich herumtrug. Er bekam Einfluß auf die Landesverbände und konnte nach einigen Monaten, im Januar 1951, seine „Bundesvereinigung“ gründen. Die Wahlerfolge in den anderen Ländern, mit Ausnahme des wichtigen Nordrhein-Westfalen, ließen, unter der Suggestion des 9. Juli, nicht auf sich warten: Niedersachsen 14,9, bald darauf bei Kommunalwahlen sogar 16,9 v. H., Baden-Württemberg und Bayern (auf Gemeinschaftslisten) 14,7 und 12,3 v. H., auch in Hessen gab es einen Wahlerfolg: fast überall also stimmte ein großer Teil der Vertriebenen nunmehr für Kraft, der sich dadurch unversehens auf der sogenannten „Bundesebene“ wiederfand. Jetzt wuchsen plötzlich seine Beziehungen nach allen Seiten und nicht zuletzt nach Bonn, wo er als Vertreter Schleswig-Holsteins im Bundesrat Fuß faßte. Im Sommer wird seine Partei zum Bundestag kandidieren. Er selbst weigert sich entschieden, irgendeine Voraussage zu machen, aber optimistische Anhänger glauben mit 30 bis 35 Mandaten rechnen zu können, vorausgesetzt, daß das alte Listenwahlrecht wiederkehrt. Etwas ist da jedenfalls im Kommen. Und deshalb fängt man überall an, sich für den „Gesamtdeutschen Block“ und die Person seines Chefs zu interessieren.

Dieses Interesse hat starken Auftrieb erhalten, seit Kraft kurz vor der dritten Lesung der Vertragsgesetze ankündigte, daß seine Partei den Widerstand gegen den Generalvertrag aufgeben werde. Kraft bestreitet ganz entschieden, daß dies ein Kurswechsel sei. „Wir sind von einem bedingten Nein zu einem bedingten Ja übergegangen“, sagt er und ist sich dabei jederzeit bewußt, daß es sehr schwerfällt, dieser Lesart Kredit zu gewähren. Ob „aus rein sachlichen Gründen“ die drei BHE-Vertreter im Bundestag mit Ja oder Nein stimmten, war sucht so besonders bedeutsam, und Kraft sieht nicht so aus, als ob er eine so große Aktion nur mit Hinblick auf eine einzige Abstimmung unternommen haben könnte, obwohl er folgendes feststellt: Er habe den Text seiner außenpolitischen Parteitagsrede (Goslar, Herbst 1952) verschiedenen Politikern zugeschickt und sei darauf zu einem Gespräch aufgefordert worden, an dem schließlich die Staatssekretäre Hallstein und Lenz und der Professor Grewe vom Auswärtigen Amt teilnahmen. Dabei habe man ihn überzeugt, daß seine Besorgnisse bezüglich des Generalvertrages unbegründet seien – (gegen den Bewaffnungsvertrag war der BHE nie aufgetreten). Später habe der US-Kommissar Conant ihm die Bestätigung gegeben, daß die Interpretation des Auswärtigen Amtes mit der der amerikanischen Regierung übereinstimme. „Sie wollen jetzt wahrscheinlich wissen, was mir Adenauer und Lenz dafür gegeben haben“, lacht Kraft. „Ich sage Ihnen aber, daß Lenz von meiner Erklärung erst aus den Zeitungen erfahren hat und daß Adenauer am meisten darüber überrascht war. Ich stehe nicht auf dem Standpunkt, daß man gegen eine Regierung, in dir man nicht vertreten ist, immer und unter allen Umständen Opposition machen muß. Dies war eine rein sachliche außenpolitische Frage.“

Das alles mag ganz richtig sein. Ebenso richtig ist aber, daß der Gesamtdeutsche Block Krafts sehen muß, wie er weiter kommt. Ihn belastet, trotz der Namensänderung, daß viele ihn als einen Interessentenhaufen ansehen, der sich mit der fortschreitenden Eingliederung der Vertriebenen, für die er sich einsetzt, selbst auflösen werde. Mit der wirtschaftlichen geht die politische Eingliederung unweigerlich Hand in Hand. Zum Beispiel wählten in Bayern die (nicht eingegliederten) Insassen des Flüchtlingslagers Dachau durchweg BHE, dagegen die (eingegliederten) Bewohner der Vertriebenenstadt Waldkreiburg die verschiedensten Parteien, sogar die Bayernpartei, obwohl kein einziger Bayer darunter ist. Überall verändern die vielen Ehen von Einheimischen und Vertriebenen die Struktur, politisch nicht zugunsten des BHE. Alles das nötigt die Partei, möglichst schnell zu starten. Kraft, der ein Bild ruhigster Zuversicht auf Jahrzehnte hinaus bietet, wird das sehr wohl wissen. Da man aber in der Opposition nur potentielle Macht ansammeln, in der Regierungsarbeit dagegen faktische Macht konsolidieren kann, steht der BHE in keinem Land in Opposition, sondern hat sich überall einer Regierungskoalition angeschlossen, gleichgültig, ob sie von der SPD, von der CDU oder von der FDP geführt ist. Das ist in seiner Art ein staatspolitisches Verdienst, denn es bewahrt weite Kreise der Vertriebenen von einem Absinken in die Negation. Es ist aber auch ein Zeichen dafür, daß es der BHE eilig hat. Wer weiß heute, wie der Wahlkampf im Bund ausgehen wird? Wie, wenn das für den BHE sehr ungünstige Wahlrecht käme, das die Regierung plant? Sollte man nicht, um die darauf gerichteten Bonner Energien zu lähmen, erkennen lassen, daß man nicht nur mit der SPD, mit der man sich in Niedersachsen, Baden-Württemberg Bayern und Hessen verbunden hat. zusammengehen würde, sonder auch mit der CDU?

Waldemar Kraft bestreitet derlei Hintergründe. Er weist es weit von sich, im Kuhhandel die niedersächsische Regierung stürzen zu wollen, um etwa die dortigen Bundesratsstimmen der Regierung Adenauer zuzuführen. Er will, sagt er, in den Ländern und auch im Bund mit jedem zusammenarbeiten, mit dem er sich auf ein Programm einigen kann. Was er nicht, und schon gar nicht im Wahlkampf, will, das ist eine „Blockbildung gegen den Arbeiter“. Die Bevölkerung will das überhaupt nicht, so schließt er aus den für die Bonner Koalition mehrfach ungünstigen Ergebnissen der Nachwahlen, bei denen auch der BHE ein paar Mal hereingefallen ist, wenn er sich auf Gemeinschaftskandidaten einließ. Und wenn wir ihn richtig verstanden haben, dann will er nach den Wahlen auf jeden

Ja, das genossen sie, unsere Abgeordneten von links bis rechts! Genossen die Spannung des heraufziehenden „Familienkrachs“. Aber Bucerius, der grippekrank zu Bett lag, war eh’ entschlossen, abends zur Abstimmung zu erscheinen – die schließlich auch jene große Mehrheit für Adenauer und den Vertrag der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft ergab. – Er trat ans Rednerpult, während Adenauer nicht mehr auf seinem hohen Kanzlersitz, sondern zur Abstimmung unten, bei seinen CDU-Parteifreunden, saß. Das war ein dramaturgisch effektvoller Moment, und daher stellte sich, obwohl so spät am Abend, noch einmal andächtiges Schweigen ein. Nun würde sich zeigen, was Meinungsfreiheit und was Parteidisziplin heißt. Nun würde sich zeigen, ob das sein darf –: daß ein CDU-Abgeordneter zugleich Verleger eines unabhängigen Wochenblattes sein darf. – Bucerius sagte: „Mit Erstaunen habe ich vom Tonband gehört, daß ich persönlich für den Artikel in der ‚Zeit‘ verantwortlich gehalten werde. Herr Bundeskanzler, Sie sind zwar für jedes Wort Ihres Pressechefs verantwortlich...“ „Das lehne ich ab“, meldete sich heiter der Zwischenrufer Adenauer, „... weil Ihr Pressechef Ihnen Gehorsam schuldet. Ich bin Verleger der ‚Zeit‘. Redakteure nämlich, Herr Bundeskanzler, sind nach der guten Sitte freier Länder vom Verleger unabhängig...“ Worauf Renner, wohl aus seiner kommunistischen Erfahrung, einwarf: „Jetzt sind wir in der Märchenstunde angekommen!“ – „... was nicht ausschließt, daß Zeitungen wie manche Fraktionen von ihren Parteileitungen gesteuert werden – nicht freilich die ‚Zeit‘! Als Verleger bin ich für die Grundrichtung des Blattes verantwortlich. So bestimmt es der Entwurf des Pressegesetzes, den der Herr Innenminister – Ihr Innenminister, Herr Bundeskanzler! – der Öffentlichkeit vorgelegt hat. Die Grundrichtung des Blattes allerdings vertrete ich! Daß sich freilich Herr Bourdin nicht leicht steuern läßt, das wird Ihnen bekannt sein...!“ Heiterkeit im ganzen Hause. – „... Wir haben es eben beide nicht ganz leicht mit der Presse, Herr Bundeskanzler!“