Die Diskussionen über die Philosophie des Nichts ergeben keine Formel, die befriedigt. Aber wo der Dialektiker versagt, nimmt der Dichter den Faden auf. In dem Roman des Griechen Nikos Kazantzakis: Alexis Sorbas, Abenteuer auf Kreta (Verlag Otto Erich Kleine, Braunschweig), liegen der intellektuelle und der primitive Mensch nicht in Feindschaft miteinander, sondern sind innig befreundet wie der erste und der letzte Mensch. Der erste Mensch, das ist der Mazedonier Alexis Sorbas, der, von Abenteuer zu Abenteuer pilgernd, alles erlebt, als ob es zu seiner Freude geschaffen wäre; sein Gegenpol ist der Ich-Erzähler, der Bergwerksunternehmer, der im Studium des Buddhismus zu dem Ergebnis kommt, daß die „reine Seele“, der letzte Mensch, die Auflösung in das Nichts bedeutet.

Sorbas, als nüchterner Realist, rechnet mit der Raubtiernatur des Menschen, die er in sich selber spürt. Er steht mit beiden Beinen auf der Erde und trinkt mit vollen Zügen. Fast ist die Welt zu klein für sein unersättliches Herz, das sich tanzend in der Ekstase von der irdischen Schwerkraft befreit. Wer so liebt, kann nicht zerstören, auch wenn er für bürgerliche Begriffe eine gescheiterte Existenz ist. Von ihm, der von sich selbst sagt, Menschen wie er sollten tausend Jahre leben, geht eine verjüngende Kraft aus, die noch Abstraktionen mit ihrem Blute füllt.

Ein solcher Mensch braucht die Lektüre nicht, da er Tragödien, Komödien und Romane erlebt, von denen Tausendundeine Nacht zu erzählen vermag. Er durchlebt jeden Augenblick mit höchster Intensität; was er tut, tut er mit ganzer Seele. Als er einmal Töpfer spielt, ist er in den Prozeß der Formung so verliebt, daß ihm der störende Zeigefinger am sausenden Rad unerträglich wird. Seitdem besitzt er nur noch den halben Finger. Solche Gewaltakte haben bei ihm etwas mit der Freiheit des Menschen zu tun. Dabei ist er ein Sünder im Aufblick zur göttlichen Gnade. „Gott ist ein Edelmann, und der wahre Adel liegt im Verzeihen!“

Es gibt keinen Sieg und keine Niederlage. Der Aufeinanderprall beider Welten wirft Fragen auf, ohne sie zu lösen. Erhabener und verzweifelter als Erkenntnis, Tugend und Güte ist der „Schauer der Ehrfurcht“. Das ist der aus dem Geist der Antike geborene Schluß, zu dem der Erzähler durch sein Sorbas-Erlebnis gelangt. Der ungestüme Freund hat ihn zutiefst aufgerührt und verwandelt, aber er kann ihn nicht nachahmen oder sich mit ihm verschmelzen. Das verbietet die Ehrfurcht.

Harald Laeuen