Von Jan Molitor

Es fing mit kommunistischen Demonstrationen an. Aber wie die Situation in Bonn nun einmal ist, hat es keinen Zweck, in der Altstadt anders als in bönn-schen Tönen Sprechchöre zu intonieren – soviel Lokalkenntnis hätten die kommunistischen Regisseure doch eigentlich aufbringen müssen. Es ist ein anderes Bonn – das Bonn der Bürger. Es ist nicht das Bonn des Bundestags und der Regierung, Dorthin verwehrten die Polizisten mit lobenswert höflicher Energie den Demonstranten den Zutritt. Was sollten sie machen? Sie zogen zum Markt und zu den Anlagen nahe der Universität, sie zogen ins alte Bonn. Und da kam’s heraus, daß die Sprech-Choristen den Akzent des Ruhrgebiets hatten. Lässig wandten sich die Bonner Bürger ab, wobei sie die Demonstration nicht übelnahmen, sondern sie folgendermaßen erklärten: Wenn im Ruhrgebiet Autobusse zur kostenlosen Fahrt zum Rhein stehen, so ist es nicht unvernünftig, bei schönem Frühlingswetter einzusteigen und eine ,,Rheintour" zu machen. Da die Männer arbeiten, reisen vornehmlich die Frauen, nehmen ihre Kinder auf den Schoß und instruieren sie: "Ruf schon ‚Kriegshetzer Adenauer!‘ Sei hübsch brav!" – Und die Kinder waren brav, riefen im Chor mit ihren Müttern, und die Bonner wandten sich ab.

Wenn man frühmorgens die Marktfrauen hinter den Obstständen fragte, was dies für ein Tag sei, sagten sie: "Ja, richtig. 19. März. Josephs-Tag." Viele Josepher – und es gibt manche im katholischen Bonn, die Joseph oder auch Jupp heißen – hatten Namenstag, wie Wilhelm Busch es beschrieben hat: "Josephi-Tag ist, wie du weißt, ein Fest für den, der Joseph heißt..." An diesem Tag des gütigsten Heiligen, den die Kirche kennt, fand draußen, im anderen Bonn, die dritte Lesung über das Vertragswerk der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft statt.

Halb zwei Uhr nachmittags. Da konnte man von der Tribüne aus gut überblicken, wie das politische Orchester placiert war. Am ersten Pult der äußersten Linken die Kommunisten Reimann und Renner: jener in der korrekten Haltung des Aufgabe-Bewußten (Turnierreiter, wenn sie wissen, daß ihnen der Sieg nicht beschieden sein kann, sitzen so korrekt im Sattel wie Reimann dort an seinem Pulte saß), dieser leger und – hol mich der Teufel – mit sympathischem Äußeren: Renner, der Meister derber, doch barock ausschweifender Zwischenrufe. Aus der kleinen kommunistischen Instrumentalgruppe ragte auf rückwärtigerem Sitz Frau Strohbach hervor, genannt die "Stalinorgel", die später den Einfall hatte, dem Kanzler, der von den Flüchtlingen sprach, zuzurufen: "Die Flüchtlinge organisieren Sie!" – Zwei prominente Pulte der Sozialdemokraten: Paul Löbe, nobles Profil, beste Erinnerung an den Berliner Reichstag aus großen Zeiten, und... Da erklärte Hitlers, der Bundestagspräsident, die Sitzung für eröffnet. Dieser Tag, von dem jeder weiß, daß er die Zustimmung zum EVG-Vertrag bringen wird, ist der wichtigste Augenblick in der bisherigen Geschichte der Bundesrepublik; seltsam, daß ein geschichtlicher Tag – den später vielleicht die Schulkinder auswendig lernen müssen (333 – Issus-Keilerei) – so langweilig anläuft, so langweilig weiterläuft.

– Trier, SPD-Mann und Landrat, sagt, die Debatte möge abgesetzt werden; er sagt’s, obwohl jeder weiß; sie wird stattfinden. Schröder, CDU-Mann und Rechtsanwalt, sagt: "Es wird Zeit, daß das Besatzungsstatut verschwindet", und Euler, FDP-Mann und ebenfalls Rechtsanwalt, meint das gleiche. Rischel, KPD, erklärt, hier werde insgesamt keine deutsche Politik getrieben, sondern Adenauer sei der Vasall... Ja, wessen Vasall? Das ist alles so heruntergeleiert, so programmgemäß! Ein aufmerksamer Zeitungsleser, dem man – zur Spaß – sagte, er möge die jeweiligen Reden halten, würde dies mühelos zustande bringen. Er wüßte die Standpunkte; er wüßte das politische Vokabular. Ach, daß historische Momente so trostlos sind! Aber dort, links neben dem jeweiligen Redner, sitzt Adenauer. Ist es die Sage von altersreifer Größe, daß man ihm immer wieder zuschaut, wie er da. sitzt? Langweilt er sich? Er blättert in Schriftstücken ...

Den Platz hinter Adenauer hat Regierungsrat Dr. Kilb inne, den der Witz des Bonner Politik-Viertels nicht "Vortragender Rat", sondern "Nachtragender Rat" nennt, weil er die Akten trägt, die Adenauer braucht.

Adenauer spricht Deutschland, so fäll: einem ein, hat – zur Unterschied von Österreich, das einen Metternich hatte – lange – abgesehen von Wilhelm Marx – keinen rheinischen Kanzler gehabt. Jetzt hat es einen. Er spricht davon, daß der Tod Stalins die Weltgefahr vielleicht nicht gehindert, sondern erhöht habe. Und er sagt etwas wie: "Die Sowjets planen ..." – "Sie zum Deibel zu jagen!" ruft Renner dazwischen. Und nun der Kanzler! Hört das Wort, schaut den "Kollegen" Renner seelenruhig an und lächelt. Er, der jeder Wirkung seiner Worte bewußt ist, ein souveräner Taktiker im parlamentarischen Gefecht, vergißt – scheinbar – seine eigene Pointe, weil der andere, der Gegner, eine Pointe hat. Sicher hat Dr. Schumacher, der große Oppositionsführer von einst, mehr Witz als Adenauer gehabt, mehr Begabung für die Kunst spontaner, geistreicher Formulierung; aber Adenauer hat mehr Humor. Er ist souverän; er ist ein Herr – und ein rheinischer Herr läßt diesen Renner rufen, er schweigt und – lächelt.