Die IG-Entflechtung steht jetzt nach jahrelangen Verhandlungen vor ihrem Abschluß. Sie wurden hartnäckig und zäh von beiden Seiten geführt und drohten mehr als einmal zu scheitern. Ein Film, der nach dem ursprünglichen Willen der alliierten Drehbuchautoren tragisch enden sollte und der jetzt trotz vielem Schmerzlichen doch den Keim eines neuen Starts der deutschen chemischen Industrie in sich birgt. Es ist nicht mehr sehr viel von dem alten Begriff „IG-Farben“ übriggeblieben. Nur 36 v. H. liegen in der Bundesrepublik, weitere 36 v. H. befinden sich in der Sowjetzone, der Rest im Ausland – ein Komplex mit 1,36 Mrd. – RM umzustellendem Kapital (nur Bundesrepublik), der über 2 Mrd. RM für Forschungszwecke aufwandte und insgesamt 1,26 Mrd. Dividenden zahlte, rund 30 v. H. der deutschen chemischen Industrie verkörperte, über 40 000 Patente (davon 30 000 Auslandspatente) besaß, der mit 150 000 bis 250 000 Aktionären im wahrsten Sinne Besitz der deutschen Bevölkerung war und allein in der Bundesrepublik über 30 000 Pensionäre versorgt.

Was von der IG-Farben in der Bundesrepublik übriggeblieben ist und die volle Last der gesamten IG-Verpflichtungen übertragen erhält, wird in insgesamt fünf Nachfolgegesellschaften aufgeteilt: Farbenfabriken Bayer, Leverkusen, (neues Grundkapital 387,7 Mill. DM) mit fünf Werken und zehn Tochtergesellschaften; Badische Anilin & Soda-Fabrik, Ludwigshafen, (340,1 Mill. DM) mit zwei Werken und fünf Tochtergesellschaften; Farbwerke Hoechst, Frankfurt-Höchst, (285,7 Mill. DM) mit vier Werken und zehn Tochtergesellschaften; Casella Farbwerke, Mainkur, (34,1 Mill. DM) mit einem Werk und drei Tochtergesellschaften; Chemische Werke Hüls, Hüls, mit einem Werk und einer Tochtergesellschaft.

Für die Verteilung der neuen Aktien an die ehemaligen IG-Aktionäre, die für den Spätsommer vorgesehen ist (Inhaberaktien mit Stückelung von 100, 200, 500 und 1000DM). wird ein Umstellungsverhältnis von 10:9 zugrunde gelegt. Über zwei Millionen neue Stücke werden erforderlich sein. Und zwar sollen auf die 1000 RM-Aktie 285 DM der Farbwerke Bayer, 250 DM der BASF, 210 DM der Farbwerke Hoechst und 25 DM der Casella zugeteilt werden. Außerdem wird an eine Beteiligung an der neuen Holding-Gesellschaft von Hüls und an etwa 70 DM bei der Rheinstahl gedacht. Weiterhin werden Liquidations-Anteilscheine auf das noch verbleibende IG-Restvermögen (voraussichtlich rund 135 Mill. DM) vorgesehen. Es ist Sorge getragen, daß alle Pensionäre (Sowjetzonenpensionäre erhalten ihre Zahlung auf Sperrkonto, das ihnen bei Übersiedlung nach Westdeutschland zugänglich ist) voll befriedigt werden. Die Vertragspensionen und Pensionskassenrenten sowie die Gefolgschaftshilfe werden wieder voll (RM gleich DM) ausgezahlt; die Verpflichtungen gehen auf die betreffenden Nachfolgegesellschaften über. Bei Obergang auf eine kleine Nachfolgegesellschaft haftet die IG-Farben i. L. Innerhalb von fünf Jahren, also bis Ende 1957, soll die endgültige Zuteilung für die Pensionäre auf eine bestimmte Gesellschaft erfolgt sein. Außerdem will man einen zentralen Notfonds schaffen, aus dessen Mitteln einmalige oder laufende Beihilfen an frühere Angehörige der IG-Farben aus besonderen sozialen Gründen gewährt werden.

Als Entflechtungsrest sind noch die Fragen in Hüls, der Anorgana und der Kunstseidenfabrik in Rottweil zu klären; weiterhin die Gründungen der Dynamit-A.G. sowie die mit dem Werk Rheinfelden und der WASAG zusammenhängenden Fragen. Was übrigbleibt, ist die Hoffnung, daß die deutsche Chemie nach langen Jahren der Unsicherheit endlich wieder eine normale Startmöglichkeit erhält. g.g.