Auf den Einfall mit der Falltür kam ich durch Heino. Heino ist einer unserer hoffnungsvollsten jungen Dichter. Er hat schon zwei Bestseller fabriziert, und wenn sie bisher nicht gedruckt wurden, liegt das nicht an Heino. Sein neuestes Werk, aus dem er mir von Zeit zu Zeit vorliest, soll der Bestseller aller Bestseller werden. Nachdem er sich frühzeitig von dem Einfluß Hemingways und Kafkas frei gemacht hatte, verschrieb er sich James Joyce mit Haut und Haaren, Nun schreibt er nur noch Monologe, und zwar solche von der inneren Sorte. Dabei geht er über sein großes Vorbild noch weit hinaus; trug er mir doch einmal sogar den inneren Monolog eines Säuglings vor: echt wie das Leben, nur ... viel zu lang. Als dann Heino sein Manuskript in die Aktentasche versenkte und ich dort noch mehr beschriebenes Papier aufschimmern sah, war mein Plan fix und fertig, besonders, als er mir beim Abschied versprach, mich bald wieder aufzusuchen.

Ach, wie schnell machte er seine Drohung wahr! Diesmal trug er mir den Monolog eines doppelköpfigen Kalbes vor, eigentlich schon mehr ein Dialog. Der gute James Joyce wie er leibt und lebt! Dann kam meine große Chance: recht heiser schon und beinahe unverständlich unterbrach Heino seine Vorlesung gerade an der erregendsten Stelle, um sich aus der Küche ein Glas Wasser zu holen. Just damit hatte ich gerechnet. Drei Schritte tat er noch, dann drückte ich auf den Knopf ... ein verzweifelter Griff ins Leere, ein verstört-verwirrter Blick zur Zimmerdecke ... und er versank!

Wer einmal erlebt hat, wie ein Mensch den Boden unter den Füßen verliert, wird jenes unerklärliche, prickelnde Gefühl des Rausches nicht mehr entbehren mögen. So wurde meine Falltür zu einem schier unentbehrlichen Inventar meiner Wohnung.

Was Heino anbelangt, so hatte er seinen Fall gut überstanden. Nachdem er sich aus einem Berg von Kissen herausgearbeitet hatte, war er an eine Bücherkiste geraten und wühlte sich nun durch die „Gesammelten Werke“ Karl Gutzkows, den für unsere Zeit zu entdecken er sich sofort vornahm. Als er sich jedoch die Zeitromane: „Der Ritter, vom Geiste“ und „Der Zauberer von Rom“, je neun Bände, einverleibt hatte, verlangte es ihn nach menschlicher Gesellschaft. Die sollte er haben! Frau Schulze, unsere Portiersfrau, war mir schon lange ein Dorn im Auge. Sie besuchte mich oft und erzählte mir dann stundenlang von ihren Gallenkoliken und den Seitensprüngen ihres Mannes, Warum also nicht Frau Schulze?

Was es mit den Seitensprüngen des Herrn Schulze auf sich hatte, weiß ich nicht genau, jedenfalls begann er erst eine Woche nach ihrem Verschwinden, seine Frau zu suchen. Schließlich kam er auch zu mir. Es sei ihm ja sehr peinlich, aber ich müßte doch verstehen ... und wann ich sie wohl zuletzt gesehen hätte. Gesehen? Gestern... ach nein, richtig, heute früh!“ „Heute früh? Ach ... das ist ja sonderbar!“ sagte er und strich sich dabei erregt den Schnurrbart. „Na, dann entschuldigen sie man bitte die Störung, und wenn Sie ihr wieder einmal sehen sollten, dann bestellen Sie ihr bitte ’nen schönen Gruß von Otto!“

Wann immer ich durch mein dünnes Glasrohr in die unteren Gemächer blickte, gewahrte ich Frau Schulze und Heino beim Mühlespiel, nicht selten besiegte sie ihn dabei durch doppelte Zwickmühlen.

Leider nahmen nicht alle ihren Fall von der humorvollen Seite. Ich denke da besonders an den Gerichtsvollzieher Fender. So wild und verzweifelt wetterte und tobte er, daß mich die Insassen des Fallschachtes inständigst anflehten, sie von diesem Unholde zu befreien. Mit Hilfe eines hydraulischen Flaschenzuges zog ich den Gerichtsvollzieher mühselig wieder ans Tageslicht, wo er, wenn auch etwas ramponiert, zum Vorschein kam, sich den Staub vom Anzug klopfte, die Aktentasche mit den Pfändungsbefehlen unter den Arm klemmte und auf dem normalen Wege durch die Flurtür verschwand. Wie ich seinem vorwurfsvollen Abschiedsblick ablesen konnte, hatte er von mir etwas Besseres erwartet.