Am Grabe Gottwalds hat der sowjetische Delegationsführer, Marschall Bulganin, die „Unzerstörbarkeit“ der sowjetisch-tschechischen Freundschaft gepriesen: Die Hörer am Rundfunk dachten an die sowjetischen Produktionsforderungen, die nicht mehr erfüllt werden können, an die abgesunkene Kohlenförderung und an den Hunger, den sie leiden, seitdem sie nicht mehr für sich, sondern für den großen Bruder arbeiten, der ihnen durch Bulganin großmütig seinen Schutz versicherte.

Der sowjetische Kriegsminister hatte nicht bloß die Hand seines Prager Kollegen Cepicka zu schütteln, auch der ungarische Oberkommandierende Farkas war gekommen, und die Polen hatten ihren stellvertretenden Kriegsminister Poplawski mitgebracht. Es konnte zwangslos eine „östliche NATO“-Konferenz abgehalten werden, nicht zum erstenmal übrigens in Prag. Prag ist zu einem „Klein-Paris“ geworden, wenn man an die Stäbe denkt, die sich hier niedergelassen haben.

Soll der militärische Ostblock einen offiziellen Bündnischarakter erhalten? Ein Abkommen über tschechische Hilfe beim Aufbau von Piecks „Nationalarmee“ ist schon vor einiger Zeit unter dem Patronat von Marschall Gorosow in Karlsbad geschlossen worden. In allen Volksdemokratien betreiben die Sowjetrussen die Vereinheitlichung der Bewaffnung, der Ausbildung und der Kommandogewalt. Dagegen läßt sich die politische Problematik nicht so einfach lösen. Die Volksdemokratien haben mit Stalin das Symbol der weltkommunistischen Einheit verloren. Die Tschechoslowakei befindet sich in der besonderen Schwierigkeit, daß außerdem der landeseigene Führer aus dem Leben geschieden ist. Kann dieser Substanzverlust durch Neuernennungen wettgemacht werden?

Zapotocky, der neue Hausherr auf dem Hradschin, ist nicht wie Gottwald Vorsitzender der Partei. Er wird jetzt Muße haben, weiter Romane, Theaterstücke und Hörspiele zu verfassen, die des „sozialistischen Realismus“ voll sind und die niemand ernst nimmt. Sein Nachfolger als Ministerpräsident, der Slowake Vilem Siroky, ist ein reiner Agitator, der blind den Moskauer Weisungen folgt. Neben ihm steht der politische Sekretär der Partei, Antonin Novotny, eine brutale Gewaltnatur, die durch die Furcht, die sie erregt, den Apparat schon fast so beherrscht wie der gescheiterte Vorgänger Slansky. Von den übrigen Ministern sind nur zwei wichtig: der Schwiegersohn Gottwalds, Cepicka, der über die Armee, und Bacilek, der über die Sicherheitspolizei verfügt. Die Aufrechterhaltung des Terrorsystems ist damit garantiert, aber nicht die Einheitlichkeit der Parteiführung, in der die Rivalen sich argwöhnisch betrachten, ohne daß eine wenigstens dekorative und mit einem Staatskult umgebene Figur wie Gottwald vorhanden wäre.

Der Slansky-Prozeß sollte den Dualismus in der tschechischen KP beseitigen. Der Tod Gottwalds hat ihn wiedergeboren. Mag der Sowjetbotschafter Bogomolow in kritischen Momenten eingreifen, Moskau müßte sich für einen und nicht für mehrere Günstlinge entscheiden. Kann es das aber noch, nachdem es im Kreml selbst verschiedene Gruppen gibt, die um die Macht ringen? Der Zerfahrenheit im Zentrum entspricht die Zerfahrenheit an der Peripherie. Prag kann unter diesen Umständen leicht der neuralgische Punkt des Ostblocks werden.

Im Dezember hat Gottwald vor der Parteikonferenz in Prag mit besonderem Nachdruck versichert, daß aus dem Lande „kein zweites Jugoslawien“ würde. Moskau hat es zwar immer noch in der Hand, eine solche Entwicklung zu verhindern, aber eine andere Frage ist, ob es der schleichenden Krise Herr werden kann, die sich in der schon katastrophal zu nennenden Wirtschaftslage und in der Zersetzung der politischen Führung bemerkbar macht. Es wäre nicht verwunderlich, wenn Bulganin Prag nachdenklicher verlassen hätte, als er es betreten hat. Harald Laeuen