Man kann einen kultivierten Natursinn haben, ohne auch nur das mindeste von exakter Natur: Wissenschaft zu begreifen. Aber man kann den Sinn für Geschichte nicht kultivieren, ohne sich unablässig historische Detailkenntnisse anzueignen. Denn Physik verlangt Formeln, in der Historie aber ist jede Formel bestenfalls eine halbe Wahrheit. Kann es nun heute noch jemanden geben, der nicht nur über das Ganze des möglichen Wissens von Geschichte verfügt, sondern es auch noch ständig durch eigene Forschung vermehrt? Das scheint ausgeschlossen. Der Forscher muß sich spezialisieren, und je gründlicher er arbeitet, desto schwerer wird es ihm, den Überblick über das Ganze zu behalten. Von ihm wird gefordert, daß er zugleich ein Maulwurf und ein Adler ist. ...

Trotzdem: es gibt heute solche Wundertiere. Arnold Toynbee, der Engländer, ist das eine. Ein Amerikaner ist das zweite:

Will Durant: Geschichte der Zivilisation. 4. Band: Das Zeitalter des Glaubens 325–1400 (Leo Lehnen Verlag, München, 121 S., viele Tafeln, Leinen 38,– DM).

Seit fünfundzwanzig Jahren arbeitet, ständig zwischen Studienfahrten und Schreibtisch wechselnd, der jetzt siebenundsechzigjährige Durant an dem Riesenwerk, das die ganze Weltgeschichte unter eine Frage stellt: was haben die einzelnen Völker und Kulturen der Erde zum Gesamtpotential der heutigen Weltkultur beigetragen? In diesem Band wird das Mittelalter, das islamische wie das christliche, befragt, und das mit bewundernswerter Sorgfalt ermittelte Ergebnis bringt eine Revision vieler Vorurteile, der verklärenden wie der abschätzigen.

Im übrigen müssen – Gesamtdarstellungen der Weltgeschichte zumeist als Teamwork gemacht werden – wobei die Kunst des Herausgebers darin besteht, den verschiedenen Beiträgen einen gemeinsamen Aspekt zu geben:

Der große Herder, 19. Band: Der Mensch In seiner Welt (Verlag Herder, Freiburg 1. Br., 1488 Spalten, 225 Register, 96 Tafeln, Leinen 39,– DM).

Daß ein Lexikon durch einen systematischen Leseband ergänzt wird, hat seinen guten Sinn: das Wissen der heutigen Europäer wird immer diffuser, und die. Zehntausende von Stichworten eines großen Lexikons können nur diffuses Wissen vermitteln. Die Redaktion des neuen „Großen Herder“ hat darum ihrem Werk einen enzyklopädischen Studienband angegliedert, der nicht nur in flüssiger, gehaltvoller Sprache die Grundzüge der ganzen Weltgeschichte – als einer Geschichte der Menschenwelt – umreißt, sondern auch die im Menschen selbst gelegenen Voraussetzungen der Weltgestaltung und ihre Ausformungen überblickt.