Von Prof. Dr. Ludwig Erhard

Es ist nicht zu verkennen, daß nach einer kräftigen Konjunkturbelebung im zweiten Halbjahr 1952 mit dem Beginn dieses Jahres eine gewisse Skepsis aufgekommen ist, die in Gesprächen unter Geschäftsleuten, der Presse, aber auch unter Politikern in der Frage gipfelt, ob es wohl zu erwarten oder möglich sei, daß der seit 1948 anhaltende wirtschaftliche Aufschwung sich weiter fortsetzen würde. Man spricht dann allenthalben von einem schleppenden Geschäftsgang, von gefährdeter Liquidität, selbstverständlich auch von dem unerträglichen Steuerdruck und dem daraus resultierenden Kapitalmangel, von einer Verhärtung der Auslandsmärkte und einem sich versteifenden Wettbewerb, und glaubt aus diesem oder jenem Symptom schließen zu können, daß die Auftriebskräfte erlahmen müßten.

Darauf ist zunächst einmal zu sagen, daß der Produktions- und Umsatzrückgang in den ersten Wintermonaten des Kalenderjahres als eine saisonale Erscheinung nichts Beängstigendes an sich hat. Aber ich möchte damit keinesfalls die Sorgen und Bedenken derjenigen bagatellisieren, deren Zuversicht heute nicht mehr unerschütterlich ist. Gemessen an der rasanten Dynamik, mit der nach der Eröffnung der Marktwirtschaft in den ersten darauffolgenden Jahren die wirtschaftliche Expansion vor sich ging, mögen die nachher erreichten Fortschritte vielleicht nicht mehr so demonstrativ imponierend gewesen sein. Schließlich aber konnte niemand erwarten, daß eine jährliche Zuwachsrate von 20 bis 30 v. H. und mehr von einer Volkswirtschaft in alle Ewigkeit fortgesetzt werden kann. Vielmehr muß auf jedem neuerreichten Niveau auch immer eine Konsolidierung der wirtschaftlichen Verhältnisse bewerkstelligt werden, und gerade unter diesem Blickwinkel hat uns das Jahr 1952 in der inneren Gesundung und Stabilität sehr weit vorangebracht.

Die mancherorts spürbaren Müdigkeitserscheinungen sind wohl auch psychologisch aus der ungeheuren Anspannung der rückliegenden fünf Jahre zu verstehen, und sicherlich hat dieser ungewöhnliche Wirtschaftsumschwung auch manche Geister etwas verwirrt. Im Zeichen eines Verkäufermarktes, wie er sich besonders deutlich in der Zeit des Korea-Booms ausprägte, entsteht nur zu leicht eine falsche und gerade mit einer marktwirtschaftlichen Ordnung nicht in Einklang zu bringende Denkweise. Der Unternehmer gewinnt allzu leicht den Eindruck, daß man nur zu produzieren habe, weil ja jede beliebige Menge zu verkaufen sei –, und auch noch zu gutem Preis.

Wer der Marktwirtschaft zugejubelt hat in der irrigen Auffassung, daß mit ihr ein wirtschaftliches System eingeleitet werden sollte, das dem Unternehmer ein bequemes Dasein, absolute Sicherheit und hohen Gewinn zu verbürgen hätte, der allerdings hat nicht verstanden, daß die Marktwirtschaft gerade über das Element des Wettbewerbs ihre ökonomische, soziale und politische Rechtfertigung, aber auch Stärke darin findet, daß sie dem Verbraucher – und das ist die Gesamtheit eines Volkes – zu immer besseren Lebensmöglichkeiten verhilft. Wenn der Unternehmer also in guter konjunktureller Situation sich zum freien Leistungswettbewerb bekennt, so bedeutet das eine Liebeserklärung nur platonischer Art. Daß wir heute in einer wirtschaftlichen Situation stehen, in der Produzenten und Händler um den Absatz oder – anders ausgedrückt – um die Gunst des Verbrauchers ringen, kann füglich nicht bezweifelt werden, aber diese Konjunkturlage als Depression oder gar als Krise zu bezeichnen, ist völlig abwegig. Da jeder verfügbaren Kaufkraft, d. h. dem Volkseinkommen im Ganzen, im Markte ein Güterangebot gleichen Umfangs entgegensteht, wird wohl jede Kaufkraft bedient, aber jeder Wettbewerber ist auch gehalten, sich durch seine Leistung im Markte zu behaupten.

Vom materiellen Standpunkt aus liegen also keine Voraussetzungen für einen wirtschaftlichen Niedergang vor, und es steht deshalb mit Sicherheit zu erwarten, daß mit dem beginnenden Frühjahr eine neue, ich glaube sogar kräftige Belebung einsetzen wird. Zu überwinden sind lediglich die psychischen Hemmnisse sowohl auf der Erzeuger- als auch auf der Verbraucherseite. Ein schwieriger werdendes Geschäft besagt nicht, daß die Umsätze zurückgehen müssen, und vor allen Dingen sollte die deutsche Industrie im einzelnen und in ihrer Gesamtheit bedenken, daß nur eine Maßnahme zu einer Reduzierung der Kaufkraft und zu einer Verkürzung der Nachfrage führt – das ist die Produktionseinschränkung. Da jegliche Kaufkraft in einer Volkswirtschaft nur aus der Güterproduktion erwächst, kann eine Reduzierung der Erzeugung auch nicht das geeignete Mittel zur Beseitigung wirtschaftlichen Spannungen und Störungen sein.

In diesem Zusammenhang ist auch der Handel in all seinen Stufen anzusprechen. Wenn er die ihm obliegende Funktion der Lagerhaltung und der Sortimentsbildung nach heute weitverbreiteter Meinung nicht mehr in dem herkömmlichen Maße ausübt, wenn er also das Wagnis der Lagerhaltung und des Lagerausgleichs nicht mehr übernehmen kann oder übernehmen will, dann trägt auch dieses sein Verhalten wegen seiner Rückstrahlung auf die Industrie dazu bei, diese in der Fertigung allzu zögernd disponieren zu lassen.