IV. Der Dachboden wird zur nächtlichen Zufluchtstätte – Erlebnisse einer Frau in der Sowjetzone

Von ***

Von den ersten Tagen der sowjetischen Besetzung erzählte bisher unser Bericht. Ihn schrieb eine Frau, die jahrelang mit ihrer Familie in der Sowjetzone aushielt; schließlich mußte auch sie fliehen.

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Grigori Stepanowitsch Kusnetzow war Dolmetscher im Stabe des neuen Regimentes, das in unserem Dorf Quartier bezog. Er kam zu meinem Mann, dem von den Russen eingesetzten Bürgermeister, und überbrachte die Befehle: „Oberst sagt, du mußt bis Mittag 80 Betten requirieren!“ (Wo doch fast alle Betten schon vom ersten Regiment mitgenommen worden waren.) Oder: „Oberst sagt, du zwei Tonnen Benzin verschaffen!“ (Wir hatten seit Monaten kein Benzin.) Oder: „Oberst sagt, du hast noch Schnaps. Er braucht Schnaps für großes Fest mit General.“ Oder: „Oberst sagt, gleich 250 Arbeiter schicken! Sollen Exerzierplatz bauen!“ Und so weiter, und so weiter...

Eines Abends erschien Leutnant P. und forderte 400 Teller bis zum nächsten Mittag. Grigori saß bei uns und war sehr zornig, aber er konnte ja nicht helfen. So fiel mir die abscheuliche Aufgabe zu, das Geschirr bei unseren schon völlig ausgeplünderten Leuten zu sammeln. Und als gegen Mittag tatsächlich die geforderte Zahl voll war, fuhr ich die Ladung zum Leutnant. Er bedeutete mir, die Tellerstapel vor ihm aufzubauen. Dann nahm er Teller nach Teller in die Hand, drehte ihn um und schmetterte jeden, der nur den kleinsten Sprung hatte, mir höhnisch vor die Füße. Fast eine Stunde hatte ich dem stumm zugesehen. Dann befahl er mir, sofort heile Teller für die zerschmissenen zu bringen. Wieder zog ich in glühender Mittagssonne von Haus zu Haus und nahm den murrenden Leuten ihre letzten Teller fort.

Als ich am Abend, völlig zermürbt, Grigori alles erzählte, wurde er dunkelrot vor Zorn und Scham. In seinen glühenden Augen standen Tränen.