Am 22. Februar verbreitete die amerikanische Nachrichtenagentur International News Service einen Artikel „Unerwünschte Wiedervereinigung“, in dem der Chefkorrespondent dieser Agentur für Europa, Kingsbury Smith, berichtete, die Franzosen, Engländer und Sowjets hätten „auf indirektem Wege oder über Dritte einander zu verstehen gegeben, daß sie alle die Ansicht vertreten, man solle sich nicht über die Wiedervereinigung Deutschlands einigen“. Der amerikanische Artikel wurde in der gesamten Weltpresse ganz oder teilweise veröffentlicht. Er fand um so größere Beachtung, als der amerikanische Journalist „zwei französische Kabinettsmitglieder und einen führenden alliierten Botschafter in Paris“ als seine Informatoren bezeichnete.

In Deutschland wurde der Artikel, soweit wir feststellen konnten, vom 22. Februar bis zur Bundestagsdebatte am 19. März von einer Nachrichtenagentur, einer Korrespondenz und zwölf Zeitungen, unter ihnen auch von solchen, die der Partei des Bundeskanzlers nahestehen, vollständig oder im Auszug wiedergegeben und zum Teil in Leitartikeln kommentiert, in denen die Bundesregierung aufgefordert wurde, die Angelegenheit auf diplomatischem Wege schleunigst zu klären. Im Wortlaut wurde der Artikel „Unerwünschte Wiedervereinigung“ von der Deutschen Presse-Agentur (DPA) in deren „Elite-Namensdienst“ verbreitet und ging an alle Bezieher dieses Dienstes, einschließlich einer Regierungsstelle. Diese Regierungsstelle bestellte mehrere Exemplare des Artikels nach.

In dieser Zeit vom 22. Februar bis zur Bundestagsdebatte am 19. März haben weder Bidault noch Eden, die von Kingsbury Smith namentlich angeführt worden waren, ein erkennbares Interesse dafür gezeigt, die ihnen dort nachgesagte Politik der endgültigen Teilung Deutschlands in der Presse ihrer Länder zu dementieren. Der Korrespondent der New York Times berichtete am 15. März aus Paris, „der einzige Weg, die Europa-Armee (und die deutsche Aufrüstung) durch die Pariser Nationalversammlung zu bringen“ sei, „den Franzosen zu versichern, daß sie durch die Inkraftsetzung solch einer Organisation (EVG) sich selbst die fortdauernde Teilung Deutschlands auf Jahre hinaus garantieren könnten“. – Kingsbury Smith versicherte am 23. März der „Zeit“, daß er die Wiedergabe seiner Gespräche mit zwei französischen Kabinettsmitgliedern und einem führenden alliierten Botschafter in Paris aufrechterhalte.

Der Bundeskanzler fürchtete, wie er am Tage nach der Ratifizierung den Journalisten im Kleinen Kabinettsaal des Palais Schaumburg sagte, daß eine Mehrheit für die Vertagung des Ratifizierungsgesetzes zustande kommen könnte. Der Zufall habe ihm aber einen guten Dienst erwiesen. Im allgemeinen lese er die „Zeit“ erst am Donnerstag. Zufällig sei diesmal Herr von Brentano während der Bundestagsdebatte über den Israel-Vertrag zu ihm gekommen und habe ihn gefragt, ob er schon den Leitartikel in der letzten „Zeit“ gelesen habe. Oberregierungsrat Kilp habe darauf die „Zeit“ gekauft. Er sei besonders glücklich, sagte Adenauer, daß er sofort über den Vertreter Kirkpatricks mit Roberts im Foreign Office Kontakt bekommen habe. Roberts habe ihm versprochen, Eden zu suchen, der gerade mit Tito unterwegs gewesen sei. Eden habe dann erreicht werden können. Dann sei die Frage entstanden, wie eine Stellungnahme von René Mayer zu bekommen sei. Dessen Antwort, um die sich Francois-Poncet bemüht habe, sei ihm gerade in dem Augenblick geschickt worden, als er im Begriff gewesen sei, seine Rede im Bundestag zu halten, und so habe er auch dieses Dementi noch mitteilen können.

Am Mittwochabend erhielt der Bundeskanzler vom Foreign Office das geforderte Dementi: „Die Aufmerksamkeit des Foreign Office ist auf Berichte gelenkt worden, über die in der deutschen Presse ein Kommentar veröffentlicht worden ist, in dem der Regierung Ihrer Majestät und Mr. Eden persönlich gewisse Ansichten über die Frage der Vereinigung Deutschlands unterstellt werden. Diese Berichte, in denen behauptet wird, die Regierung Ihrer Majestät und der britische Außenminister seien gegen diese Vereinigung, entbehren jeder Grundlage. Die Politik der Regierung Ihrer Majestät ist unverändert, wie sie klar in Artikel 7 der Konvention über das Verhältnis zwischen den drei Mächten und der Bundesrepublik Deutschland festgelegt, am 26. Mai 1952 unterzeichnet und später vom britischen Parlament ratifiziert worden ist.“

Tags darauf, am Donnerstagnachmittag, traf zu Beginn der Bundestagsdebatte folgende Antwort des französischen Ministerpräsidenten René Mayer ein: „Ich glaube nicht, daß es in der deutschen Regierung, im deutschen Parlament oder im deutschen Volke eine einzige Person gibt, die an eine Erfindung von so phantastischem Charakter in bezug auf ein angeblich geheimes Übereinkommen glaubt, das von England und Frankreich mit der Sowjetunion hinter dem Rücken Deutschlands und Amerikas abgeschlossen worden sei. Wenn die Verträge ratifiziert und in Kraft sind, wird die französische Regierung ihre Bestimmungen respektieren, und sie rechnet, daß jeder Unterzeichner sich danach richtet. Ich bestätige Ihnen das Nichtbestehen der behaupteten Erklärungen, die mir zugeschrieben worden sind, und verweise Sie auf auf diejenigen Erklärungen, die ich zweimal über die uns gemeinsam angehenden Fragen abgegeben habe.“

Die Bundesregierung wird sich in den Jahrzehnten, für die der Deutschlandvertrag gilt, auf diese Dementis berufen können, um Frankreich und England zu veranlassen, mit der Bundesregierung „zusammenzuwirken und mit friedlichen Mitteln ihr gemeinsames Ziel zu verwirklichen: ein wiedervereinigtes Deutschland“. Die unablässigen Hinweise der deutschen Presse auf die Informationen von Kingsbury Smith haben schließlich doch noch ihre Funktion erfüllt. Paul Bourdin