Gerhard Metzner, Begründer, Besitzer, Intendant, Chefdramaturg und Oberspielleiter der Kleinen Komödie in München, ein Mann, so vielseitig wie der Schauspieldirektor Melina im Wilhelm Meister, hat seine Dramaturgie einmal dahin zusammengefaßt, daß es bei ihm niemals langweilig werden dürfe. Er fährt gut damit, denn sein Haus ist in der Regel Abend für Abend ausverkauft. Natürlich hat er sich längst ein Stammpublikum gewonnen, das sich für seine Theaterbesuche nach dem gleichen Grundsatz richtet. Aber es hat sich auch sonst herumgesprochen, daß man bei ihm nicht nur kein langweiliges, sondern meist sogar ausgezeichnetes Theater zu sehen bekommt. Er kann, es sich darum leisten, monatelang täglich das gleiche Stück zu spielen, bis auch vom Kassenrapport her gesehen alles herausgeholt ist, was herauszuholen war. Echte Nieten hat er bislang kaum gezogen.

Die Kleine Komödie nimmt keine Zuschüsse der öffentlichen Hand in Anspruch. Wenn sie es einmal mit dem eigenen kleinen Ensemble nicht zu schaffen vermeint, dann läßt sie einen beliebten Star oder gleich ein paar davon am Himmel ihres Programms aufglitzern. Daß man sie wirklich einmal ganz aus der Nähe betrachten kann, dafür sorgt schon das winzige Parkett. Es ist nicht größer als der Speisesaal eines mittleren Gasthauses, faßt aber erstaunlicherweise beinahe vierhundert Zuschauer. Marianne Hoppe beispielsweise hätte sich dort als Constanze in Maughams Lustspiel ohne weiteres noch einen dritten Monat „richtig verhalten“ können. Käthe Dorsch, Hilde Hildebrand, Luise Ullrich, sind noch unvergessen, und unlängst machte Bruno Hübner in Molnars kleiner Posse von der Fee die Zuschauer fast unvorhergesehenerweise vor Rührung schnaufen. Das kann man von Dieter Borsche nicht sagen, obwohl der Kaplan der Nachtwache diesmal in den Gefilden der ewigen Seligkeit selber angesiedelt ist. Der „Engel vom Montparnasse“ von Jean Giltene ist nur ein Trostpreis in dem theatralischen Glückshafen am Maxdenkmal, nicht mehr. Aber es ist nun einmal der Dieter Borsche, der ihn spielt, und am wohlsten scheint er sich außerdem zu fühlen, wenn er sich von der komischen Seite geben darf. Es geschieht in den Trickszenen dieser Inszenierung. Ein Band liefert den Ton der Filme, nach denen bestürzendermaßen eine himmlische Registratur das Vorleben der einlaufenden armen Seelen jederzeit zu rekonstruieren vermag. Die Schauspieler agieren stumm dazu, hinter einem Schleiervorhang, aber mit solcher Präzision, daß man an dem Trick auch wieder zu zweifeien beginnt. Das ist diesmal die Kurzweil, die sich sonst aus dem Jenseits bald wieder verflüchtigt hätte, obwohl es von einem Lustspielautor erdacht ist. Deswegen brauchen wir zum Glück das Ganze nicht weiter ernst zu nehmen.

Auch die Münchner Kammerspiele haben ihr besonderes Publikum. Man begegnet ihm auch hier nicht auf den Premieren. Erst wenn die Offiziellen – Presse und Premierenlöwen – abgefüttert sind, stellt es sich ein. Es ist viel Schwabing und viel junges Volk von den Hochschulen unter den übrigen wahrhaft Begeisterten, denen es allein um das Stück und die Darstellung zu tun ist. Was sie wünschen, ist nicht die kurzweilige Unterhaltung, obwohl auch die gelegentlich nicht verschmäht wird, sondern die Kunst. Mindestens von der Regie und den Darstellern ist sie ihnen in diesem Hause noch nie vorenthalten worden. Mit dem „Wozzek“ und den „Ratten“ vollends begann es neuerdings eine Serie großer Theaterabende und setzte sie mit einer Vorstellung von Burkarts „Feuerwerk“ fort, die unter dem hochbegabten jungen Regisseur Wild sogar neben der seinerzeit von Charell besorgten Münchner Uraufführung bestehen konnte. Ihren äußeren Erfolg beim Publikum aber übertrifft sie bei weitem, denn nach wie vor ist das Haus gesteckt voll von Leuten, die sich von dem unwiderstehlichen Charme der Wottawa bezaubern lassen. Wie oft mag sie schon von ihrem süßen Pony und ihrem wunderbaren Papa gesungen haben! Man sollte meinen, daß er ihr allmählich selber zur Last wird. Weit gefehlt: es gehört zum Wesen des echten Mimen, daß ihn seine Rolle bei jedem Auftritt aufs neue verzaubert und daß er diesen Zauber sogleich wieder auszustrahlen beginnt, als erlebten er und wir es zum ersten, frischen Male.

Eine märchenbunte, wirbelnd bewegte Aufführung von „Der Widerspenstigen Zähmung“ unter Schweikart nimmt das Publikum immer wieder mit Jubel auf, mochte die Shakespeare-Philologie auch etwas die Nase gerümpft haben. Immerhin haben die Kammerspiele bewiesen, wie gut man dieses Stück auch ohne psycho-analytische Überanstrengung spielen kann.

Neuerdings sitzt ihr Publikum anfänglich etwas beklommen und auf Trübseliges gefaßt vor Tennessee Williams „Tätowierter Rose“. Ein veritabler schwarzer Bock, der eingangs über die Bühne gezerrt wird, macht allerhand symbolische Ausführlichkeit vermuten. Aber wenn Williams sein dramatisches Handwerk auch gewiß versteht, so hat Fritz Kortner das seine als Regisseur diesmal noch besser verstanden, indem er sich im Laufe seiner hervorragenden Inszenierung immer entschieden die Hervorhebung der verborgenen komischen Elemente angelegen sein ließ. Manches darin nämlich gehört weniger dem Realen als nur einem engeren Bezirk davon, dem Peinlichen an. Völlig überspielen ließ es sich nicht, dazu hätte Kortner das Ganze von Grund auf umschreiben müssen. Aber unterstützt von so ungewöhnlichen Darstellern, wie Wilfried Seyferth und Maria Wimmer vor allem, brachte seine einfallsreiche und inständige Spielführung das Publikum in die beifallsfreudigste Stimmung.

Über das dankbarste, um nicht zu sagen bescheidenste und höflichste Publikum verfügt das Staatsschauspiel im Residenztheater. Ihm ist seit dem Herbst an matten, ja mißlungenen Abenden allerhand zugemutet worden, aber wirklich aufbegehrt hat es seit der Eröffnung des neuen Hauses nur ein einziges Mal, und da geschah es leider am falschen Ort, bei Fehlings Blaubart-Inszenierung. Andererseits ist es dem Berichter unvergeßlich, wie das gleiche Publikum auf eine schon etwas angestoßene Serienvorstellung des „Gefesselten Prometheus“ von Äschylos antwortete. Es ließ lich immer tiefer in Bann schlagen von dem Riesenhaupt, das von der Bühne hereinblickte.

Auch mit einer so heiklen und in Einzelheiten musealen Sache wie Grabbes „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ weiß es mehr anzulangen, als man befürchten konnte. Bruno Hübner, selber der kauzige Schulmeister, brachte eine munter verspielte Aufführung zuwege, die nach so langer, beklemmender Dürre auf der Bühne des Staatsschauspiels neue Hoffnungen schöpfen ließ. Unterstützt von dem herrlich bibbernden und Schabernack treibenden, Teufel Wolfgang Büttners hob er das Märchenhafte und die bizarren Scherze des Stückes sehr glücklich hervor. Was die Satire angeht, so hatte er leider davon abgesehen, die für uns verstaubten Anzüglichkeiten durch zeitgenössische zu ersetzen. Er hätte Glück damit gehabt, denn augenblicklich gab es erwartungsfreudigen Szenenbeifall, als eine „Abendzeitung“ abschätzig erwähnt wurde. Doch laut Textbuch handelte es sich um eine, die vor hundert Jahren schon, wenn nicht dem Publikum, so doch dem Dichter Grabbe im Magen gelegen haben muß.

Daß die jüngste Aufführung des „Don Gil von den grünen Hosen“ alle Erwartungen wieder enttäuschte, vermerkt der Referent am Schlüsse nur der Vollständigkeit halber. Paul Alverdes